Frauen in der Wissenschaft - Portraits aus unserem Institut

Enni Harjunmaa

Dr. Enni Harjunmaa
Enni Harjunmaa erforscht, wie verschiedene Stichlingspopulationen entstanden sind und was die genetischen Mechanismen sind, die bei dieser Evolution am Werk waren
Sieben Tage alte Stichling-Embryos in ihren Eiern
12 Tage alter Stichling. Die Farbe stammt von einem grün fluoreszierenden Protein, mit dessen Hilfe eine genetische Veränderung getestet werden soll

Enni Harjunmaa aus Finnland macht ihren Postdoc am Friedrich-Miescher-Laboratorium. Sie hat uns erzählt, warum Wissenschaftlerin und Mutter zu sein die zweitbeste Option ist, nachdem es mit ihrem Kindheitstraum, Hexe zu werden, nicht ganz geklappt hat.


Wolltest du schon immer Wissenschaftlerin werden?
Als Kind wollte ich Hexe werden. Das hat leider nicht geklappt, aber ich glaube ich habe die zweitbeste Wahl getroffen. Ich arbeite in der Wissenschaft, und zuhause bin ich Mutter. Das heißt, ich sehe ständig Magie wahr werden.


Woran arbeitest du?
Ich arbeite an der Frage, wie sich neue Arten bilden. Vor allem, wie das passiert, wenn es keine geographische Barriere gibt, um zwei Populationen zu trennen. Stichlinge zu Beispiel – diese Fische leben im Meer, aber jedes Frühjahr wandern sie in die Flüsse, um dort Nachwuchs zu bekommen. Manche der Nachkommen sind einfach permanent dort geblieben und es sind Populationen in den Flüssen und Seen entstanden, die an ein Leben im Süßwasser angepasst sind. Es ist faszinierend dass sie sich angepasst haben und ganz eigene Merkmale entwickelt haben, und dass diese Merkmale bestehen bleiben, obwohl sich die Süßwasserfische immer noch ständig mit den Salzwasser-Stichlingen paaren! Wir wollen eine Erklärung finden, wie das möglich ist. Es gibt verschiedene Erklärungen. Um eine zu prüfen erforschen wir, wie die Kombination von verschiedenen Genvarianten reguliert ist. Es kann nämlich sein, dass die Süßwasserversionen und die Salzwasserversionen der Gene immer zusammen vererbt werden. Das verhindert, dass es einen wilden Mix an Genen in den Fischen gibt, die eine Kreuzung zwischen Süß- und Salzwasser-Population sind. Vielleicht können wir miterleben, wie aus den Süßwasser-Stichlingen eine neue Art wird!

Ich arbeite in der Forschung weil…
…ich dann keine Hobbies brauche (lacht). Alle Fähigkeiten die ich habe wende ich schon bei der Arbeit an. Meine Faszination für die Wissenschaft hat angefangen, als ich in der Schule das erste Mal etwas über Gene und die DNA gelernt habe. Und seitdem gab es einfach keinen guten Grund, aufzuhören. Und ich bin in der Wissenschaft weil wir in diesem Teil der Welt schon alles haben was wir für ein gutes Leben brauchen: eine gute medizinische Versorgung, gute Bildung, und so weiter. Was macht man dann also? Wissenschaft! Für mich ist das die beste Art, zu einer besseren Zukunft beizutragen, gemeinsam mit anderen Leuten, die moralische Überlegungen anstellen und mit ihrem eigenen Hirn denken. Außerdem hat man Wissenschaftler als Kollegen! Keiner ist hier wegen des Geldes, oder geht immer den einfachsten Weg. Klar, es gibt auch eine Schattenseite wenn man in der Wissenschaft arbeitet. Man erstellt oft endlose To-Do-Listen für sich selbst, die sich nie danach richten wie viel Zeit man eigentlich wirklich hat. Die Hackordnung ist oft nicht transparent und die Fluktuation ist relativ hoch, weil viele ja nur für ihre Doktorarbeit oder ein paar Jahre als Postdoc bleiben. Das heißt auch, dass die Verantwortung für Sachen, die über längere Zeit laufen, ein bisschen gelassener gesehen wird, und man die Schrullen von anderen eben auch mal so hinnimmt.

Wie bist du in Tübingen gelandet?
Ich habe mein erstes Kind während meiner Doktorarbeit bekommen. Als ich die Arbeit fertig hatte, bin ich erstmal zu Hause geblieben, weil das gerade eine wichtige Phase für die Karriere meines Mannes war. Dann hat Frank Chan mich kontaktiert, weil ich vorher eine Veröffentlichung in Nature hatte – er und seine Frau Felicity Jones waren auf der Suche nach Postdocs. Als ich hierher zum Vorstellungsgespräch gekommen bin war ich im achten Monat schwanger mit unserem zweiten Sohn, aber ich habe den Job trotzdem angeboten bekommen. Da dachte ich mir, das muss ein familienfreundliches Arbeitsumfeld sein, und die Stelle war super interessant. Also sind wir hierher umgezogen, nachdem mein Mann seinen Postdoc-Zeit in Bochum beendet hatte.

Wie bekommst du den Job und deine Familie unter einen Hut?
Das hört sich jetzt wahrscheinlich naiv an, aber ich glaube unsere Kinder haben Priorität, obwohl mein Mann und ich beide neun Stunden am Tag arbeiten: Unsere Kinder gehen morgens total gern in den Kindergarten, und sie gehen auch nachmittags total gern heim zu ihrem Kindermädchen, und sie lieben die Abende, Wochenenden und Ferien, wenn wir zusammen sind. Für uns funktioniert das. Ich will ehrlich sein – klar hätten wir gerne mehr Sicherheiten, und würden gern nicht so oft den Helden spielen müssen, und natürlich hätten wir gern mehr Zeit für unsere Ehe. Aber wir glauben, dass wir bis jetzt das Beste gemacht haben, was wir konnten und dass wir die Möglichkeit haben, die Zukunft aufzubauen, die wir uns wünschen. Und das ist wunderbar.


Mehr Informationen zur Arbeitsgruppe von Felicity Jones, in der Enni derzeit arbeitet: Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensterhttp://www.fml.tuebingen.mpg.de/jones-group.html



Birte Höcker

Birte Höcker hat ihre Doktorarbeit im Bereich Biochemie 2003 an der Universität zu Köln abgeschlossen, bevor sie als Postdoktorandin für zwei Jahre an das Duke University Medical Center in die USA ging. Seit 2006 leitet die Wissenschaftlerin eine unabhängige Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie und tritt nun eine Proffesur für Biochemie an der Universität Bayreuth an. Birte Höcker hat zwei Kinder.
Birte Höcker designt Proteine. Manche davon baut sie neu, oder setzt, wie hier dargestellt, verschiedene Untereinheiten neu zusammen. Außerdem interessiert sie, wie die Struktur der Proteine mit ihrer Funktion zusammenhängt.

Dieses Jahr hat die UN am 11. Februar zum ersten Mal den Internationalen Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft ausgerufen.
In der Max-Planck-Gesellschaft ist Chancengleichheit ein Thema. http://www.mpg.de/chancengleichheit

Hier am Institut arbeiten viele Frauen - als Doktorandinnen, Arbeitsgruppenleiterinnen, oder als Direktorin.
Eine davon ist Prof. Birte Höcker.

Woran forschen Sie?
Wir versuchen Proteine zu designen, also zu konstruieren. Teilweise bauen wir sie neu. Oder wir versuchen sozusagen, die gleichen Mechanismen zu benutzen, wie sie bei der Evolution gewirkt haben. Das heißt, Teile von Proteinen neu zu kombinieren und dadurch Proteine zu erstellen. Dabei interessiert uns zum einen die Struktur-Funktionsbeziehung, und dann wollen wir daraus lernen wie Proteine aufgebaut sind und wie wir sie bauen können, um später auch nützliche Proteine zu machen.

Wollten Sie schon immer Wissenschaftlerin werden?
Nein – in der Schule fand ich Biologie am Anfang sogar doof, obwohl ich das dann studiert habe. Ich habe einen Schüleraustausch nach Irland gemacht, und die Biolehrerin dort hat mich begeistert. Mathe und Chemie fand ich immer spannend. Für das Biologiestudium habe ich mich entschieden, weil Biologie so eine große Bandbreite abdeckt.  In der Oberstufe fand ich dann immer das spannend was man nicht sieht. Viren zum Beispiel. Und im Studium bin ich dann auch immer mehr auf die molekulare Schiene gekommen.

Wie wird man denn Professorin?
Vorgenommen habe ich mir das nicht. Ich dachte immer, ich mache weiter, solange es Spaß macht. Dann lief es auch mit meiner Diplomarbeit gut, während meiner Doktorarbeit bin ich mit meinem Doktorvater umgezogen – in eine schöne neue Stadt aber das tolle alte Projekt konnte ich behalten. Durch einen Vortrag bin ich dann auf computergestütztes Proteindesign gekommen. Dazu habe ich dann meinen Postdoc in den USA gemacht. Ich wollte sowieso gerne reisen. Und dann bin ich später mit meinem Mann wieder nach Deutschland zurück gekommen, aber beim Thema geblieben. Das finde ich auch immer noch spannend.
Ich dachte früher auch, man kann sich ja nicht anmaßen Professor zu werden, aber irgendwann später als Gruppenleiter kam das in greifbare Nähe. Wirklich darauf hingearbeitet habe ich erst dann. Davor habe ich einfach geschaut, was finde ich spannend, da mache ich weiter. Als ich dann zurück in Deutschland war, hat sich vieles auch ergeben: erstmal hatte ich nur einen 5-Jahresvertrag, also brauchte ich Drittmittel. Dann musste ich auch schauen, dass ich mich in Deutschland wieder vernetze und die Leute hier einen auch sehen und kennen. Also habe ich hier und dort Vorträge gehalten und geschaut dass ich in Konsortien komme. Das waren auch wichtige Schritte für die Professur.

Sie haben zwei Kinder. Wie managen Sie das?
Ich habe einen tollen Mann.  Der ist auch Wissenschaftler, das ist ein Vorteil – in der Wissenschaft hat man große Flexibilität. Aber man muss sehr gut planen und sich organisieren. Es ist natürlich ein Vorteil, wenn man nicht mehr selbst im Labor steht – ich habe meine Kinder erst als Arbeitsgruppenleiterin bekommen und mache vieles vom Büro aus. Die Wissenschaft bleibt ja nicht stehen wenn ich als Arbeitsgruppenleiterin mal nicht da bin. Es gibt ja auch meine Doktoranden und Postdocs, die die Forschung machen. Am Anfang habe ich mit meinem ersten Kind auf dem Schoß Analysen am Computer gemacht und Paper geschrieben. Mit dem zweiten ging das nicht mehr. Andererseits war ich dann in der Phase, wo ich nicht wusste wann ich eine feste Stelle bekomme. Mein Vertrag endete mit dem zweiten Kind – und dann hat es mit der Verlängerung geklappt.

Was würden Sie anderen jungen Wissenschaftlerinnen raten, die sich unsicher sind, ob sie Karriere und Familie gleichzeitig schaffen?
Nicht zu viel drüber nachdenken. Planbar ist sowieso nicht alles, und jede persönliche Situation ist anders: die Pläne des Partners, wer wann zurücksteckt. Ein Netzwerk zu haben, das einen auffängt, ist super. Für Wissenschaftler, von denen oft die Flexibilität erwartet wird, dass sie öfter umziehen, ist das nicht immer so einfach. Aber man sollte nicht von vornherein schon seine Pläne ändern und sich bremsen für die Eventualität, mal ein Kind zu bekommen. Sheryl Sandberg, sie ist COO bei Facebook, hat das so gesagt „Don’t leave before you leave“, also geh nicht schon, bevor du weg bist. Viele Frauen machen sich zu viele Gedanken, was wäre wenn ich dann Kinder hätte, und nehmen dann vielleicht einen Job nicht an.



Den TED-Talk mit Sheryl Sandberg gibt es hier: Opens external link in new windowhttps://www.ted.com/talks/sheryl_sandberg_why_we_have_too_few_women_leaders