Wann ist ein Tier ein Tier, ein Mensch kein Mensch?
Eine wunderbare Symbiose: Die Befruchtung ist nur der halbe Weg zur Entwicklung des Individuums
Von Christiane Nüsslein-Volhard
Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken, das nicht die Vorwelt schon gedacht!”
(Goethe)
Die
Debatte um die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen wird in
Deutschland sehr aufgeregt geführt. Viel Aufmerksamkeit wird dabei der Frage
gewidmet, wann Menschsein beginnt. Das Leben eines Individuums beginnt mit
der Befruchtung, mit der Verschmelzung von Spermium und Ei. Daraus wird abgeleitet,
mit der Vereinigung von mütterlichem und väterlichem Genom enthielte das
befruchtete Ei das volle Programm zur Menschwerdung und daher handele es
sich bei einer befruchteten Eizelle schon im vollen Sinne um menschliches
Leben. Ganz abgesehen davon, dass ein Programm nicht gleichzusetzen ist mit
seinem Resultat, ist diese Aussage auch aus weiteren gewichtigen Gründen
nicht richtig.
Das
Programm des Embryos ist zwar vollständig, was die genetische Ausstattung
betrifft. Dieses Programm läuft aber nicht von alleine bis zur Geburt ab.
Es muss aktiviert und gesteuert werden. Dazu bedarf es zusätzlicher erheblicher
und unersetzbarer Beiträge durch den mütterlichen Organismus, in dem der
Embryo sich entwickelt. Dieser trägt Faktoren bei, die die Aktivität der
Gene während der Entwicklung steuern, sowie Nährstoffe, die Wachstum und
Differenzierung ermöglichen und anderes mehr. Ohne den mütterlichen Organismus
kann sich die befruchtete Eizelle nur bis zu einem Bläschen aus wenig mehr
als hundert menschlichen Zellen entwickeln, dazu reichen die Faktoren in
ihrem eigenen Zytoplasma aus, - aber nicht weiter.
Der
Vorgang lässt sich besser allgemein für Säugetiere, zu denen der Mensch ja
gehört, beschreiben: Die Tierwerdung, die Entwicklung eines Säugetiers erfordert
absolut eine intensive Symbiose des Embryos mit dem mütterlichen Organismus.
Der Vergleich mit eierlegenden Tieren erhellt das Problem. Bei diesen enthält
ein Ei, das den mütterlichen Körper, bei Hühnern zum Beispiel, kurz nach
der Befruchtung verlässt, sowohl die Eizelle mit dem genetischen Programm,
als auch alle notwendigen Materialien und Faktoren es korrekt auszuführen.
In weiblichen Tieren finden elaborate Prozesse statt, die bei der Eireifung
das Ei mit allen notwendigen Nährstoffen (“Dotter”), aber auch mit Hüllen
(“Eierschale”) als Schutz ausgestatten. Dazu kommen - sehr wichtig – Faktoren,
die die Steuerung der frühen Entwicklungsschritte des Embryos (oben/unten-
vorn/hinten) übernehmen. Bei der Eireifung im mütterlichen Organismus wird
somit dem Ei eine grosse Zahl von Faktoren mitgegeben, ohne die sich der
Embryo nicht entwickeln kann. Daher ist es schon eher akzeptabel, von einem
Hühnerei, oder einem Fliegenei zu sagen, es enthielte das volle Entwicklungsprogramm
(obwohl man das Hühnerei nicht Huhn nennt, und das Fliegenei noch längst
keine Fliege ist). Denn was das abgelegte befruchtete Ei in diesen Organismen
von aussen noch braucht, um ein selbständiges Wesen zu bilden, ist nichts
als Wärme, Wasser und Luft. Vor Frass, vor Austrocknen, vor Verhungern ist
es durch die mütterliche Mitgift bereits geschützt.
Bei
Säugetieren, wie Mäusen, ist das nicht so. Die befruchtete Eizelle ist nur
wenig mehr als ein Träger der genetischen Information. Die Orientierungshilfen
im Zytoplasma reichen nicht weiter als bis zur Blastocystenbildung und steuern
lediglich die Entscheidung zwischen den inneren Zellen, die vor allem den
zukünftigen Embryo, und den äusseren, die Hüllgewebe bilden werden. Um ein
Tier zu bilden, muss sich diese Blastocyste in die Gebärmutter des mütterlichen
Tieres einbetten um fortan durch diese ernährt zu werden. Dieser Prozesss
heisst Einnistung oder Nidation. Was bei eierlegenden Tieren an mütterlicher
Fürsorge vor der Befruchtung geschieht, findet bei Säugetieren erst nach
der Einnistung statt. Die mit Fliegen- oder Hühnerembryonen vergleichbaren
Schritte der Gestaltwerdung geschehen bei der Maus nach der Einnistung der
Blastocyste in den Uterus des weiblichen Tieres. Es ist durchaus möglich,
dass auch die stofflichen Faktoren und Signale, die dem Hühner- oder Fliegenei,
vom mütterlichen Genom abhängig, als Orientierungshilfen mitgegeben werden,
bei der Maus von den umgebenden Zellen des mütterlichen Organismus im Uterus
beigesteuert werden. Die gesamte Ernährung, die Grössenzunahme des Embryos
erfolgt durch den mütterlichen Blutkreislauf, der über die Placenta auf das
Engste mit dem des werdenden Tieres verwoben ist. Es ist klar, dass die Atome
in der ursprünglichen Eizelle nur einen winzigen Bruchteil von dem ausmachen,
was sich noch in dem Mäusejungen findet, das sich nach 3 Wochen engster Wechselwirkung
mit dem mütterlichen Organismus von diesem trennt, also geboren wird.
Beim
Säugetier weiss man wenig genaues von dem, was der mütterliche Organismus
an Informationen zur Entwicklung beiträgt. Sterilität hat bei Tieren wie
Menschen nicht nur Fehler bei der Befruchtung oder genetische Störungen des
Embryos als Ursache. Häufig ist der mütterliche Organismus in dem einen oder
anderen Aspekt nicht in der Lage, die Entwicklung des- genetisch gesunden-
Embryos zu erlauben. Bei Fliegen zum Beispiel sind mehrere hundert Gene bekannt,
die in den weiblichen Tieren Faktoren produzieren, ohne die keine normal
gebildete Larve aus den Eiern schlüpfen kann. Sicher gibt es solche Faktoren
auch beim Säugetier, aber sie werden nicht in der Eizelle deponiert, sondern
wirken erst nach der Einnistung von aussen auf den Embryo ein.
Der
gemeinsame Stoffwechsel zwischen dem mütterlichen Organismus und dem werdenden
Individuum hat eine weit größere Bedeutung als bloss dessen Ernährung. Bekannt
ist, dass Abwehrstoffe, aber auch Fremdsubstanzen, wie Gifte, über das Blut
der Mutter den Stoffwechsel des werdenden Tieres erreichen. Im Falle des
Menschen ist denkbar, dass psychische, auch charakterbildende und prägende
Einflüsse, wie sie ja unbezweifelbar nach der Geburt auf das Kind wirken,
in ähnlichem Ausmass vorgeburtlich wirken und zur Entwicklung eines normalen
gesunden Menschen unabdingbar sind. Leider wissen wir darüber noch sehr wenig.
Tierexperimente helfen hier nicht weiter, da es bei Tieren an Kriterien mangelt,
subtile Unterschiede zum Beispiel im Verhalten zu erkennen. Es kann aber
gut sein, dass erbgleiche Individuen, in verschiedenen Muttertieren ausgetragen,
verschiedener sind als eineiige Zwillinge, die erst nach der Geburt getrennt
aufwachsen. Auch wenn wir hier wenig Genaues wissen, sollten wir jedenfalls
nicht ausschließen, daß die Symbiose zwischen Mutter und Kind über die Ernährung
hinaus die Individualität des werdenden Kindes erheblich prägt.
In
der irrigen Annahme, dass die befruchtete Eizelle das volle Programm zur
Menschwerdung enthält, ist implizit auch enthalten, dass sie sicher zum Menschen
wird, wenn man sie nicht daran hindert. Dem ist aber nicht so. Nicht jede
Befruchtung führt zu einer Schwangerschaft. Ein grosser Teil der Eizellen
gelangen nicht bis zur Einnistung. Nicht jeder Embryo ist lebensfähig. Beim
Tier führen bestimmte genetische Veränderungen zu Letalität. Kleine genetische
Defekte können zur Geburt von kranken Tieren führen. Bei anderen Gendefekten
stirbt bereits der Embryo. Bei Säugetieren wird er in der Regel absorbiert
oder abgestossen. Beim Menschen sind eine Reihe von Erbkrankheiten bekannt,
bei denen das Kind in den Jahren nach der Geburt sterben muss, aber sicher
sind diejenigen viel häufiger, die zu Aborten führen, oder bei denen die
Embryonen so früh absterben, dass die Schwangerschaft nicht bemerkt wurde.
Es gibt natürlich auch nicht- genetische Faktoren, die zum Absterben eines
Embryos oder Foetus führen können, ganz abgesehen davon, dass die Geburt
ein grosses Risiko für das Leben von sowohl Kind als auch Mutter darstellt.
Theoretisch
sollten zur Erhaltung der Art zwei Nachkommen pro Elternpaar ausreichen.
Bei Tieren werden aber im Mittel immer mehr, häufig sehr viel mehr, angelegt
als zwei. Damit werden die Verluste an Nachkommen, die das fortpflanzungsfähige
Stadium nicht erreichen, kompensiert. Zusätzlich zu den Verlusten, wie sie
durch die Art der Fortpflanzung bedingt sind, muss sich das Tier gegen Krankheit
und andere Katastrophen absichern. Der Grad der “Verschwendung” ist sehr
unterschiedlich. Manche Tiere kümmern sich überhaupt nicht um ihre Eier.
In diesen Fällen werden die allermeisten gefressen, oft sogar von den eigenen
Eltern, die sie nicht von Futter zu unterscheiden vermögen. In solchen Fällen
ist die Zahl der produzierten Eier oft enorm hoch (“Kaviar”). Bei vielen
Tieren besteht eine gewisse “Vorsorge” darin, dass die Eier in ungeniessbarer
Gallerte oder anderen Schutzhäuten stecken, oder an unzugänglichen Orten
deponiert werden. Andere Tiere betreiben Brutpflege, verteidigen ihre Eier
und Jungen vor Feinden, die sie fressen wollen, halten sie sauber und sorgen
für Nahrung. Dann ist die Zahl der Eier deutlich geringer. Bei Säugetieren
besteht, im Vergleich zu anderen Tieren, der höchste Grad an Brutpflege,
indem sich die empfindlichsten Stadien der Entwicklung im mütterlichen Organismus
abspielen. Dabei geht häufig die Gesundheit der Kinder auf Kosten der Muttertiere,
deren Stoffwechsel ganz auf deren Ernährung eingestellt ist.
Um
die Vollständigkeit des Entwicklungsprogramms der befruchteten Eizelle zu
illustrieren, werden gelegentlich Vergleiche herangezogen, so z. B. mit dem
Samen einer Pflanze, oder gar einer Blumenzwiebel, die in den Humus des Beetes
(“Mutter Erde”?) gesteckt werden. Diese Vergleiche hinken fürchterlich. Erstens
ist das, was im Humus des Beetes für die Entfaltung eines Samens oder einer
Zwiebel gebraucht wird, nichts als Mechanik, Wasser und Salze, also wirklich
in keiner Weise vergleichbar mit einem lebenden weiblichen Organismus. Zweitens
ist eine Zwiebel fast schon eine fertige Pflanze, praktisch alle Zellteilungen
sind abgeschlossen, sie muss nur noch sozusagen aufgeblasen werden (denken
Sie an die Hyazintenzwiebeln, die in einem Wasserglas zum Blühen gebracht
werden). Der Samen einer Pflanze ist nicht ganz so fertig wie eine Zwiebel,
aber immerhin besteht er aus einem zusammengefalteten Pflänzchen mit Keimblatt
und einer Spross- und Wurzelspitze, von Hüllen umgeben, die von der Mutterpflanze
zum Schutz und zur Ernährung gebildet wurden. Und dieser wiederum ist weiterentwickelt
als der Pflanzenembryo, den es ja auch gibt, und der im Fruchtknoten der
Blüte seine Entwicklung bis zum Samen durchläuft. (Dabei ist es der Blütenstaub,
der vergleichbar den Spermien, den männlichen Samen bei Tieren, ist und nicht
etwa der Pflanzensamen).
Zwiebeln
haben mit Embryonen nicht viel zu tun, denn man gewinnt sie in der Regel
durch ungeschlechtliche Vermehrung, aus Knospen der grossen Zwiebeln. Knospen
und sogenannte Ableger sind mit den Mutterpflanzen erbgleich, sie stellen
mit ihnen zusammen also einen Klon dar. Solche erbgleichen Knospen wie bei
Pflanzen gibt es auch bei manchen Tieren, zum Beispiel Polypen, Schwämmen,
Seescheiden. Bei höheren Tieren ist es in der Regel nicht möglich, aus somatischem
Gewebe wieder einen ganzen Organismus werden zu lassen. Es gibt skurrile
Ausnahmen, bei denen ungeschlechtliche neben der geschlechtlichen Vermehrung
vorkommt. Experimentell ist bei Tieren Klonen durch Transplantation eines
Kerns einer differenzierten Körperzelle in eine entkernte Eizelle möglich.
Die ersten Experimente dieser Art wurden bereits in den sechziger Jahren
an Fröschen durchgeführt. Dabei entstanden (in seltenen Fällen) aus Eiern,
deren eigener Kern zerstört worden war, und denen ein Kern aus einer Hautzelle
eingepflanzt wurde, Kaulquappen. Das wurde als Beweis dafür angesehen, daß
beim Prozeß der Differenzierung in verschiedene Gewebearten kein Verlust
an Genen eintritt, sondern bestimmte Gene sozusagen bloß ausgeschaltet werden.
Dieses Experiment des britischen Biologen John Gurdon war vom wissenschaftlichen
Standpunkt aus gesehen von grosser Bedeutung, da es bewies, dass die differenzierten
Hautzellen noch alle Gene enthalten, die zumindest bis zur Bildung der Kaulquappe
nötig sind. Praktisch gesehen allerdings war das Experiment sehr schwierig,
und die Erfolgsrate ungeheuer niedrig. Auch bei anderen Tieren wie Fliegen
gelang der Versuch, aber nur mit sehr geringem Erfolg. Vor kurzem hat man
es an Säugern zwar sogar zum erwachsenen Tier gebracht (das berühmte Schaf
Dolly), aber auch hier war die Erfolgsrate ausserordentlich niedrig, und
die meisten Versuche endeten in frühen Aborten, oder in nicht lebensfähigen
Tieren. Das liegt nicht daran, dass man das Verfahren nicht genügend erprobt
hat, denn erbgleiche TIere zu erzeugen ist für viele Versuchsanordnungen,
und für die Tierzucht durchaus interessant. Es liegt am Widerstand der Natur:
es ist in hohem Grade unnatürlich.
Was
ist daran unnatürlich: Während der Entwicklung eines Organismus wird die
Aktivität der Gene sorgfältig gesteuert. Viele Gene sind nur in ganz bestimmten
Zellen aktiv und in anderen blockiert, während andere, die für den generellen
Stoffwechsel der Zellen notwendig sind, in allen Zellen aktiv sind, aber
zu sehr unterschiedlichen Graden. Im Laufe der vielen Zellteilungen und Differenzierungsschritte,
die zwischen dem befruchteten Ei und einem ausgewachsenen Körper ablaufen,
werden viele Gene in stabiler Form inaktiviert. Diese Blockierung muss wieder
aufgehoben werden, wenn alle Gene wieder zur Entwicklung eines neuen Tieres
beitragen sollen. Das Zytoplasma der Eizelle muss das bewirken. Es hat aber
normalerweise mit einem Genom zu tun, das ganz anders verpackt ist als der
Kern einer Körperzelle.
Die
Keimzellen, Eizellen und Spermien, entstehen bei Tieren, - Fliegen, Würmern,
Mäusen und Menschen - , aus ganz bestimmten Zellen. Diese “Urkeimzellen”
enthalten charakteristische Komponenten, die nur in diesen Zellen vorkommen.
Sie trennen sich ganz früh in der Entwicklung von den Körperzellen, und wandern
in die Geschlechtsorgane, wo sie später Eier oder Spermien bilden. Sie durchlaufen
ein besonderes Entwicklungsprogramm, wobei ihr Genom vermutlich auch vor
Mutationen geschützt wird, sodass Zellen, die eine neue Generation entstehen
lassen, möglichst unbeschädigt bleiben. Genau weiss man noch nicht, was dieses
Keimzellenprogramm beinhaltet. Aber jedenfalls steht fest, dass sich die
Organismen “die Mühe machen, auf ihre Keimzellen aufzupassen”. Das legt nahe,
dass die Keimbahn notwendig ist, und man diese Anstrengungen nicht leicht
umgehen kann.
Da die
Klonierungsversuche so schlecht gehen, und in den allermeisten Fällen kein
normales Tier dabei herauskommt (auch Dolly soll nicht ganz normal sein)
ist nicht auszuschliessen, dass Differenzierung sogar doch mit Verlust von
Genmaterial oder mit Mutationen in einigen Genen einhergehen mag. Man weiss
aus Experimenten mit Mäusen, dass der Verlust von einzelnen Genen in vielen
Fällen toleriert wird. Wenigstens scheint die Maus, der solch ein Gen fehlt,
ganz normal zu sein. Eine Erklärung dafür ist, dass es sich dabei um Gene
handelt, die im Genom zum Beispiel doppelt oder in sehr ähnlicher Form mehrmals
vorhanden sind. Die Zahl solcher Gene, deren Verlust nicht zu einem erkennbaren
Defekt in der Maus führt, ist nicht klein. Allerdings ist sehr wahrscheinlich,
dass das betreffende Gen doch eine wichtige Funktion hat, da es sich in der
Evolution so lange gehalten hat. Man hat vielleicht nicht genau genug hingeschaut,
und nicht genügend subtile Tests auf normales Verhalten angewendet. Auch
braucht eine Labormaus längst nicht alle Fähigkeiten, die für das Überleben
einer Wildmaus notwendig sind. Zwischen irreversibler Geninaktivierung, Mutation
und Genverlust lässt sich im Experiment nur mit grossem Aufwand unterscheiden.
Fest steht jedenfalls, dass das Klonen durch Kerntransfer von Kennern derzeit
nicht mehr als eine Methode der Zukunft angesehen wird. Die internationale
Gesellschaft der Entwicklungsbiologen hat bei ihrer Tagung im Juli in Kyoto
ein Moratorium gegen das Klonen von Menschen ausgesprochen.
Anders
steht es dagegen mit embryonalen Stammzellen. Das sind Zellen, die sich in
alle Zelltypen des Körpers differenzieren können. Embryonale Stammzellkulturen
werden aus inneren Zellen der Blastocysten der Maus erhalten. Sie werden
auf einem Nährboden in einer Petrischale vermehrt, ohne ihren embryonalen,
undifferenzierten Zustand zu verändern. Transplantiert man diese ES Zellen
in eine Blastocyste eines Wirtsembryos, so nehmen sie an dessen Entwicklung
genau wie die Zellen des Wirtes Teil. Die Zellen, die aus den ES Zellen hervorgehen,
können in jedem Gewebe, auch in den Keimzellen, der Wirtsmaus nachgewiesen
werden. Das heisst, dass sie pluripotent sind, also vieles noch können. In
Kultur können ES Zellen unter bestimmten Bedingungen ausdifferenzieren, dabei
bilden sich verschiedene Zelltypen in einer ungeordneten Mischung. Es entsteht
also in der Petrischale keine Maus, denn dazu ist der ordnende Einfluss der
Blastocyste, und später, nach der Einnistung, des mütterlichen Organismus
absolut nötig.
Embryonale
Stammzellen haben ein grosses Potential für die Herstellung von bestimmten
Zelltypen, die man zur Therapie bestimmter Krankheiten brauchen könnte. Einerseits
vermehren sie sich willig in Kultur, ohne zu entarten, andrerseits hat man
in jüngster Zeit gelernt, durch Zugabe von Signalstoffen die Bildung bestimmter
Zelltypen zu stimulieren, und andere zu unterdrücken. In Experimenten an
Mäusen hat man solche Zellen auch wieder in erwachsene Organismen implantiert,
und diese Zellen haben sich in normale Gewebe integriert. So konnten z. B.
bestimmte Defekte der Maus durch die transplantierten Zellen repariert werden.
Diese Experimente sehen inzwischen sehr vielversprechend aus: könnte man
sie beim Menschen durchführen, so mag die Heilung von Krankheiten wie Parkinson
und Diabetes möglich sein.
Vor
einigen Jahren ist die Kultivierung von Stammzellen aus Blastocysten des
Menschen berichtet worden. Diese frühen Embryonen waren bei künstlichen Befruchtungen
übriggeblieben. Soweit man das testen kann- einige Tests, die an Mauszellen
üblich sind, verbieten sich beim Menschen- sehen die Zellen vielversprechend
aus. Deshalb sind Forscher daran interessiert, ihre Erfahrungen aus den Mausversuchen
auf die menschlichen Zellen zu übertragen. Das Herstellen und die Forschung
an menschlichen ES Zellen ist in den meisten Ländern erlaubt, nicht aber
in Deutschland. Das wesentliche Argument für das Verbot ist, dass die Herstellung
der Zellen aus einem Embryo diesen und damit ein potentielles menschliches
Leben zerstört hat. Dass dieses Leben noch nichts von dem spürt, und dass
auch die Produzenten, die Eltern, es nicht verteidigen, noch ihm nachtrauern,
spielt bei diesen Argumenten keine Rolle. Vielmehr wird der Einwand damit
begründet, dass das befruchtete Ei bereits das volle Programm des Menschen
hat und daher mit Menschenwürde ausgestattet sei.
Damit
kommen wir auf den Anfang dieses Textes zurück: wann ist ein Mensch ein Mensch?
Wie beim Tier ist die Entwicklung eines Individuums ein allmählicher Prozess:
Gewiss ist die Befruchtung ein entscheidender Zeitpunkt, aber ebenso bereits
die Bildung der Eizelle und die des Spermiums. Aber erst mit der Einnistung
in den Uterus der Mutter hat der Embryo das volle Entwicklungsprogramm. Erst
während dieser erstaunlichen und wundersamen Symbiose wird das Programm ausgeführt.
Gene sind nicht alles, was der Mensch zur Menschwerdung braucht.
Veröffentlicht in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.), Feuilleton, Dienstag, 02.10.2001.