Wann ist der Mensch ein Mensch?
Von Christiane Nüsslein-Volhard
Themen
der Biologie, der Lehre vom Leben, werden zur Zeit intensiv debattiert. Denn
Erkenntnisse auf dem Gebiet der Embryologie, der Genetik, und als Höhepunkt
die Entzifferung des menschlichen Genoms dienen nicht nur dem Erkenntnisgewinn,
sondern auch der Entwicklung neuartiger Diagnosen und Therapien und eröffnen
prinzipiell neue Möglichkeiten der Einflußnahme auf das Leben des Menschen.
Darüber hinaus regen sie zu Spekulationen und Fantasien an, die, sollten
sie Wirklichkeit werden, unsere Welt entscheidend verändern würden. Obwohl
einige medizinische Anwendungen der neuen Technologien, insbesondere der
Gentechnologie, inzwischen breite Akzeptanz gefunden haben, wächst doch auch
die Angst vor den Folgen neuartiger Verfahren, vor unvorhergesehenen Konsequenzen
guter (oder schlechter) Absichten. Dabei konzentriert sich die Debatte in
Deutschland derzeit auf den Umgang mit menschlichen Embryonen. Die deutschen
Gesetze sind restriktiv, sie stehen im Kontrast zu den liberalen Gesetzen
in europäischen Nachbarländern. Solange auf diesem Gebiet, das alle Menschen
angeht, kein breiter Konsens erzielt ist und vernünftige, wenigstens für
Europa verbindliche Regeln etabliert sind, wird die Debatte weitergehen.
Worum
geht es: Seit 1978 können menschliche Eier in einem sehr frühen Stadium außerhalb
des mütterlichen Organismus befruchtet und in Kultur gehalten werden, bevor
sie in den mütterlichen Organismus implantiert werden um eine Schwangerschaft
einzuleiten. Dabei entstehen überzählige Embryonen, die keine Mutter finden.
Das eröffnet die Möglichkeit, diese frühen Embryonen für die medizinische
Forschung zu verwenden. Aus menschlichen Embryonen können embryonale Stammzellen
isoliert werden, die in Zellersatztherapien bei verschiedenen schweren Krankheiten
eingesetzt werden könnten. Weiterhin könnten durch genetische Diagnose an
frühen Embryonen Erbkrankheiten vermieden werden. Unsere abendländische Grundüberzeugung
sagt aber: Kein Mensch darf als bloßes Mittel für die Zwecke anderer Menschen
geopfert werden. Dieses Instrumentalisierungsverbot ist die Grundlage des
Begriffes der Menschenwürde, die nach unserem Grundgesetz unantastbar ist.
Der Streit betrifft nicht die Anerkennung dieser Überzeugung, die natürlich
sowohl Gegnern als Befürwortern der Embryonenforschung, auch unseren europäischen
Nachbarn gemein ist, sondern die Frage: ab wann ist ein Mensch ein Mensch?
Sind diese frühen Embryonen Menschen, denen bereits soviel Schutzwürdigkeit
zukommt wie geborenen, oder gilt ein abgestufter Lebensschutz, wie er ja
ganz allgemein dem natürlichen Ethos entspricht und bei Verhütungs- und Abtreibungsfragen
und - Gesetzen zum Tragen kommt? Und an diesem Punkte scheiden sich die Geister.
Das deutsche Gesetz spricht den Embryonen Schutzwürdigkeit von Anfang an
zu- während andere den Zeitpunkt der Aufnahme durch den mütterlichen Organismus,
die Nidation, als Beginn der Schutzwürdigkeit setzen. Nach dem englischen
Gesetz verdient der Embryo Schutz ab dem 14. Tag, wenn die Gestaltbildung
beginnt und er die Möglichkeit zur Zwillingsbildung verloren hat. Eine Person
im juristischen Sinne ist der Mensch erst ab der Geburt.
Die
biologische Wissenschaft kann die Frage nicht verbindlich lösen, denn bei
Schutzwürdigkeit handelt es sich ja um eine in Grenzen willkürliche Definition,
und die muss letztendlich die Gesellschaft treffen. Die Wissenschaft kann
aber Auskunft geben über Grade, Stufen der Entwicklung, und vielleicht auch
Empfehlungen aussprechen. Sie kann Prognosen wagen, die es erleichtern mögen,
Argumente des Lebensschutzes gegen die der Heilung von todkranken Menschen
vernünftig abzuwägen. Die Bedenken gegenüber der Embryonenforschung sind
im Wesentlichen in der Angst vor unvorhersehbaren oder vermeintlich absehbaren
schädlichen gesellschaftlichen Entwicklungen begründet. Es wird argumentiert,
die Forschung mache immer rasantere Fortschritte, die niemand mehr recht
übersehen kann. Da sollten doch besser rechtzeitig die Bremsen gezogen werden,
denn das, was machbar ist werde ja doch gemacht- und mit viel Fantasie ist
eben alles machbar!
Ist es denn wirklich
nur eine Frage der Zeit, daß die Bilder von utopischen Romanen Wirklichkeit
werden. Kann alles, was denkbar ist, überhaupt gemacht werden? Wird wirklich
alles, was machbar ist, gemacht, auch wenn es von der Gesellschaft nicht
akzeptiert wird?
Wenn dem so wäre, wäre
sicher Vorsicht geboten, denn viele der Szenarien, die da entworfen werden,
sind wirklich erschreckend. Aber ist das Fortschreiten der Forschung wirklich
so schnell? Es scheint mir eher, daß wichtige Erkenntnisse der biologischen
Forschung, die zum großen Teil bereits lange bekannt sind, noch nicht wirklich
verstanden sind, oder zumindest daß es sinnvoll ist, die Ergebnisse der modernen
Forschung im Zusammenhang mit diesen grundlegenden Gesetzen der Biologie
zu interpretieren. Dabei ist erschwerend, daß Biologie- die Lehre vom Leben,
ein zwar sehr spannendes, aber auch sehr schwieriges Gebiet darstellt, dessen
Komplexität es sowohl den Laien wie auch den Wissenschaftlern anderer Disziplinen
nicht leicht macht, das Basiswissen und Verständnis zu erwerben, das für
die Einordnung neuer Befunde nötig ist. Verständlich also, daß einige Utopien
in den Köpfen mancher Menschen zum Greifen nahe Realitäten darstellen.
In
meinem Vortrag möchte ich versuchen, einige der alten Erkenntnisse der Biologie
zu erklären, die beim Verständnis der neuen helfen mögen. Die Regeln, nach
denen sich Organismen entwickeln, geben auch Randbedingungen, natürliche
Grenzen vor, die den Forschern Schranken setzen. Ich werde dann kurz die
menschliche Entwicklung beschreiben und auf einige Optionen der modernen
Verfahren eingehen.
Wie entsteht ein Tier?
Im
Lebenslauf von Tieren entstehen komplexe aus einfachen Formen. Ein Individuum
beginnt sein Leben als befruchtete Eizelle, ein Gebilde, das in keiner Weise
Ähnlichkeit mit den Strukturen und der Gestalt des ausgewachsenen Tieres
hat. Die Frage, wie ein Tier entsteht, hat die Menschheit seit alter Zeit
beschäftigt. Solange die Entwicklung von Tieren und Menschen sich im Verborgenen
abspielte - vor der Entdeckung des Mikroskops, - war dies allerdings eine
Angelegenheit von Theorien, die debattiert, aber nicht bewiesen werden konnten.
Eine
kuriose Vorstellung, die auf Plinius den Älteren zurückgeht, erklärt die
Entstehung von Tieren durch "in Form" lecken, ähnlich der Modellierung von
Skulpturen aus Ton. Eine der populärsten Vorstellungen war die Präformations
- oder Einschachtelungshypothese. Nach ihr war der werdende Organismus im
Sperma schon, als “Homunculus” vollständig enthalten, und mußte sich im mütterlichen
Organismus nur entfalten wie ein Pflanzensamen im Blumenbeet. Diese Theorie
beinhaltet, daß in dem werdenden Wesen auch das nächste schon vorgeformt
ist, und in ihm wieder das nächste- und so weiter. Das ist aber unmöglich-,
deshalb ist Präformation keine Erklärung- es muß Mechanismen geben, die erlauben,
daß in jeder Generation komplexe Gestalten aus einfachen neu entstehen. Trotzdem
war diese Vorstellung bis weit ins 19. Jahrhundert hinein vorherrschend,
auch weil man sich wirklich nicht vorstellen konnte, wie es denn anders gehen
soll. Es ist noch gar nicht so viel länger her, da glaubte man noch an Urzeugung,
an das Entstehen von Mäusen aus Lumpen, und das Knospen von Enten auf Bäumen.
Das
Phänomen, das es zu erklären galt, war also zum einen, wie aus etwas einfachem
etwas Komplexes wird, und zum zweiten, nicht minder verwunderlichem- warum
der Organismus, der aus dem Ei entsteht, genau so aussieht wie die Eltern
- wie ein Fliegenei immer eine Fliegenmade ergibt, ein Hühnerei ein Küken.
Die Frage, wie ein Tier entsteht, stellt eine enge Verknüpfung zwischen Individualentwicklung
und der Vererbung der Eigenschaften von einer Generation zur nächsten dar-
Entwicklung und Genetik- Embryonen und Gene.
Geschichtlicher Überblick
Die
Erkenntnisse in der Biologie kommen häufig nicht kontinuierlich, sondern
in Stufen. Neue Techniken eröffnen schnellen Zuwachs an Erkenntnissen, bis
wieder eine Stagnation eintritt, in der auf dem bisher gegangenen Weg nicht
weiterzukommen ist. In den vergangenen hundertfünfzig Jahren lassen sich
drei große Perioden unterscheiden, die je etwa 50 Jahre lang sind und durch
große Entdeckungen, die schubartig die Forschung neu orientierten, markiert
sind:
| Zellenlehre | Remak/Virchow | 1855 |
| Evolutionstheorie | Darwin | 1859 |
| Chromosomentheorie der Vererbung | Mendel/Sutton/Boveri | 1902 |
| DNA Struktur | Watson+Crick | 1953 |
| Genome von Wurm, Fliege und Mensch | Sulston/Celera /HUGO | 1999-2003 |
Darwins
Evolutionstheorie markiert den Beginn der modernen Biologie. In der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden entscheidende Erkenntnisse auf den Gebieten
der Genetik und Embryologie gewonnen, die in der Chromosomentheorie der Vererbung,
1902 vom Würzburger Boveri und dem Amerikaner Sutton formuliert, ihren Höhepunkt
fanden. Damit war der Grundstein gelegt zum Verständnis der wesentlichen
Abläufe der Generationenfolge. Von da an entwickelten sich Embryologie und
Genetik als getrennte Disziplinen. Die genetische Forschung blühte und kulminierte
schließlich 1953 in der Aufklärung der molekularen Struktur der Gene. Diese
Entdeckung hat die biologische Wissenschaft ungeheuer beflügelt, und in wenigen
Jahren waren fundamentale Probleme der Wirkungsweise von Genen gelöst. Die
Entwicklung der Gentechnik erlaubte es Gene zu entziffern und ihre Produkte
aufzuklären. Damit wurden auf allen Gebieten der Biologie Fortschritte ermöglicht,
die ohne die Gentechnik völlig undenkbar wären. In den späten achtziger und
den neunziger Jahren war der Fortschritt in der Tat rasant. Inzwischen ist
es viel ruhiger geworden, man mag den Eindruck gewinnen, daß die großen und
auch die naheliegenden und damit leichten Aufgaben jetzt annähernd abgeschlossen
sind. Jetzt kommt die schwierige und langwierigere Zeit des Fertigmachens,
des Lückenauffüllens, und des besonnenen Hinschauens.
Evolution
Daß
die Ähnlichkeit zwischen Embryonen verschiedener Arten viel größer ist als
die zwischen den entsprechenden erwachsenen Tieren, hat der deutsche Zoologe
Karl Ernst von Baer als erster beschrieben. Aber erst Charles Darwin hat
erkannt, dass diese Ähnlichkeit mehr bedeutet als etwa Einfallslosigkeit
eines Schöpfers. Er hat sie als echte biologische Verwandtschaft, als Hinweis
auf gemeinsame Vorfahren, erkannt und als eine der wichtigsten Stützen seiner
Evolutionstheorie angesehen. Diese wurde 1859 publiziert. Sie erklärt die
bereits von Goethe gesehenen Verwandtschaften der Tiere untereinander und
mit dem Menschen auf Grund gemeinsamer Vorfahren. Arten sind nicht konstant,
sondern verändern sich im Laufe der Erdgeschichte. Diejenigen erhalten sich
und setzen sich durch, die besser an sich verändernde Lebensbedingungen angepaßt
sind als ihre Geschwister. Alle Lebewesen erzeugen einen Überschuß an Nachkommen,
die aber nicht alle genau gleich sind, sondern sich ein ganz klein wenig
unterscheiden. In vielen Fällen sind diese Unterschiede zufällig, also nicht
zielgerichtet, und - das ist wichtig- erblich. Da die Resourcen begrenzt
sind, kommen nicht alle durch, und diejenigen, die den Umweltbedingungen
am besten angepaßt sind, haben mehr Nachkommen als ihre Geschwister. Dabei
können Arten ganz von anderen verdrängt werden und aussterben, oder auch
sich ohne große Änderungen über Jahrmillionen erhalten. Arten können sich
im Lauf der Stammesgeschichte dramatisch verändern, und neue Arten können
durch Verzweigen entstehen.
Die Schlußfolgerung
aus dieser Theorie ist, daß sich die Eigenschaften von Lebewesen in der Evolution
herausgebildet und bewährt haben: alle heute lebenden Formen stammen von
solchen ab, die sich durchgesetzt haben. Sie sind also nicht das Design eines
Schöpfers, das unergründlich ist, sondern es walten biologische Gesetze,
die durch die Evolution erprobt und bewährt sind, und ähnlich unverrückbar
sind wie die Gesetze der Physik. Diese Gesetze geben natürliche Grenzen vor,
innerhalb derer sich Organismen erhalten und verändern können, wie Goethe,
ein Vordenker der Evolution, bereits erkannte:
Diese Grenzen erweitert kein Gott, es ehrt die Natur sie
Denn nur also beschränkt war je das Vollkommene möglich
Entwicklung und Vererbung
Im
19. Jahrhundert wurde mit der Erforschung der Entwicklung verschiedenster
Tiere begonnen. Obwohl die Eier der Säugetiere schon in der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts entdeckt worden waren (Karl Ernst von Baer beschrieb
als erster das Ei einer jungen Frau, die sich nach einer wilden Nacht ertränkt
hatte), wurde an Säugerentwicklung wegen der schweren Zugänglichkeit der
Eier und Embryonen sehr lange sehr wenig geforscht. Dagegen boten sich die
Frühstadien der Entwicklung eierlegender Tiere, wie Seeigel, Frösche, Fische,
und Würmer den Forschern als hervorragende Studienobjekte an. Eier vieler
Arten waren sehr leicht zu bekommen, und deren Entwicklung ließ sich am lebenden,
oft durchsichtigen Objekt, sowie mit einfachen Fixierungs- und Färbeverfahren
verfolgen.
Durch solche mikroskopischen
Beobachtungen entdeckte man, daß Organismen aus Zellen zusammengesetzt sind,
daß die Zellen sich teilen, und daß sie sich im Laufe der Embryogenese von
einfachen zu komplexeren Formen entwickeln.
Die
Zelle ist die kleinste Einheit eines Organismus. Jede Zelle hat eine äußere
Membran, einen Kern im Inneren, und ist mit Zytoplasma angefüllt. Der Kern
enthält (in der Regel) fadenförmige Strukturen, Chromosomen, die aber in
ruhenden Zellen nicht sichtbar sind. Noch in der Mitte des 19. Jahrhundert
wurde debattiert, ob Zellen sich neu bilden können, und ob Chromosomen bestehen
bleiben oder sich nach der Zellteilung völlig auflösen, bis von Rudolf Virchow
klar bewiesen wurde, daß jede Zelle aus einer solchen durch Teilung hervorgeht
(omnis cellula e cellula). Bei den Zellteilungen werden die Chromosomen
zunächst längs verdoppelt, und dann jeweils eine Kopie an die beiden Tochterzellen
weitergegeben. Dieser Mechanismus gewährleistet, daß die Tochterzellen den
gleichen Chromosomenbestand wie die Mutterzelle erhalten.
Am
Beginn der Entwicklung eines Tieres steht die sogenannte Befruchtung, die
Verschmelzung von Eizelle und Spermium. Dabei entsteht die Zygote, deren
Zytoplasma von der Eizelle kommt, aber deren Kern zu gleichen Teilen mütterliche
und väterliche Chromosomen enthält. Die befruchtete Eizelle teilt sich vielfach,
anfangs sehen noch alle Zellen gleich aus. Nach kurzer Zeit aber werden die
Zellen verschieden, und der Embryo nimmt Gestalt an. Zellen sondern sich
in Gruppen ab, schlüpfen oder falten sich in den Embryo, sie verschieben
sich gegeneinander, teilen sich weiter, und bilden Anlagen der Organe und
Gewebe. Schließlich differenzieren sich die Zellen, um ihre vielfältigen
Funktionen im Tier erfüllen zu können.
Wie
gesagt, aus einem Fliegenei wird schließlich eine Fliege, aus dem des Fisches
ein Fisch. Allgemein: Die Kinder sehen aus wie die Eltern. Das nennt man
Vererbung- Genetik. Bei einigen Tieren, wie Polypen, Schwämmen, und noch
häufiger bei Pflanzen geschieht die Fortpflanzung dadurch, daß sich Teile
einfach ablösen, als Knospen, Zwiebeln, Ableger. Diese sind dann, und das
ist leicht zu sehe, so wie die Eltern. Aber bei allen höheren Tieren und
Pflanzen gibt es zwei Geschlechter. Beide produzieren Zellen, die nur der
Fortpflanzung dienen, und Keimzellen genannt werden. Dabei sind die Eizellen,
die schließlich in den Embryo übergehen, groß und unbeweglich, während die
kleinen Spermienzellen in oft ungeheuren Überschüssen produziert werden.
Die Produzenten der Eizellen werden weiblich, die der Spermien männlich genannt.
Mit
Kreuzungsexperimenten konnte man die Frage beantworten, was denn nun die
Erbträger enthält, das Zytoplasma oder der Kern. Es war lange schon bekannt,
daß bei Kreuzungen zwischen zwei verschiedenen Arten die Bastarde sowohl
mütterliche als auch väterliche Eigenschaften haben. Tauscht man die Eltern,
so ergibt sich kein deutlicher Unterschied, und das, obwohl das Zytoplasma
ausschließlich vom Ei, also vom mütterlichen Organismus beigetragen wird.
Ein Zytoplasmaklümpchen ohne Kern, von einem Spermium einer anderen Art befruchtet,
wird zu Minilarven, deren Gestalt der des Vaters, aber nicht der Mutter gleicht.
Das beweist, daß der Kern und nicht das Zytoplasma Träger der genetischen
Information ist.
Chromosomen und Gene
Die
Mendelschen Gesetze, im Jahre 1900 wiederentdeckt, nachdem sie jahrzehntelang
vollkommen übersehen worden waren, sagen aus, daß die Erbfaktoren in Pflanzen
und Tieren doppelt vorhanden sind, einmal vom Vater, einmal von der Mutter.
Mendel postulierte als erster, daß es sich dabei um diskrete Einheiten handelt,
die unabhängig voneinander von einer Generation zur nächsten weitergegeben
werden. Diese Erbfaktoren nannte man später Gene. Bald wurde erkannt, daß
die Chromosomen die Träger der Gene sind, da sie sich bei den Zellteilungen
in gleicher Weise wie diese verteilen. Jedes Chromosom ist verschieden, und
trägt verschiedene Gene. In brillanten Experimenten fand der Würzburger Zoologe
Theodor Boveri heraus, daß die Gesamtzahl der Chromosomen für eine normale
Entwicklung des Tieres notwendig ist. Fehlt eines, so führt das zu Fehlbildungen.
Diese Ergebnisse wurden 1902, vor genau hundert Jahren, veröffentlicht und
bilden, zusammen mit den Mendelschen Gesetzen, die Chromosomentheorie der
Vererbung.
Keimbahn und Klone
Die
Erkenntnis, daß in einem Organismus alle Zellen alle Chromosomen, und damit
alle Gene haben, obwohl die Zellen sich verschieden entwickeln, und sehr
verschieden aussehen können, war sehr wichtig: es gab nämlich einen Disput
darüber, ob die Differenzierung, das Verschiedenwerden der Zellen, mit einer
ungleichen Verteilung von Genen an die Tochterzellen einhergeht, wie es eine
berühmte aber falsche Theorie des Freiburger Zoologen August Weismann postuliert
hatte. Im Gegensatz zu Weismanns Annahme besteht ein Organismus aus einer
großen Zahl erbgleicher Zellen, er ist also ein Klon, der aus einer Gründerzelle,
der befruchteten Eizelle, hervorgegangen ist. Allerdings könnten die Beobachtungen
von Sutton und Boveri Einzelfälle dargestellt haben, deshalb ist wichtig,
daß sehr viel später, vor etwa 40 Jahren, der britische Forscher John Gurdon
diese These getestet hat: Er transplantierte Zellkerne aus Hautzellen, oder
Froschlarven, in Eizellen von Fröschen, deren eigener Kern inaktiviert war.
Diese konnten sich (wenigstens in seltenen Fällen) zu einem Frosch entwickeln.
Damit hat er gezeigt, daß die differenzierten Zellen prinzipiell noch alle
Gene enthalten. Der entstandene Frosch ist mit dem Spendertier der Hautzelle
erbgleich, also sein Klon. Vor kurzem hat man es auch an Säugern zum erwachsenen
Tier gebracht (das berühmte Schaf Dolly), aber auch hier war die Erfolgsrate
außerordentlich niedrig, und die meisten Versuche endeten in frühen Aborten,
oder in nicht lebensfähigen Tieren. Das liegt nicht daran, daß man das Verfahren
nicht genügend erprobt hat. Es liegt am Widerstand der Natur: es ist in hohem
Grade unnatürlich.
Bei höheren Tieren
ist es in der Regel nicht möglich, (sozusagen von der Natur nicht vorgesehen),
aus Körperzellen wieder einen ganzen Organismus werden zu lassen. Denn für
die Fortpflanzung werden besondere Zellen früh in der Entwicklung von den
Körperzellen abgesondert. Diese “Urkeimzellen” wandern in die Geschlechtsorgane,
wo sie später Eier oder Spermien bilden. Man nennt das die Keimbahn, und
die Körperzellen Soma. Da die Nachkommen aus den Keimzellen hervorgehen,
haben Veränderungen im Körper des Tieres keinen Einfluß auf das Erbgut. Genveränderungen
werden nur dann vererbt, wenn sie in den Keimbahnzellen auftreten. Es gibt
also keine Vererbung von erworbenen Eigenschaften! Die Keimbahn durchläuft
ein besonderes Entwicklungsprogramm, wobei ihr Genom geschützt wird, so daß
Zellen, die eine neue Generation entstehen lassen, möglichst unbeschädigt
bleiben. Somatische Zellen werden nicht in gleicher Weise vor Mutationen
geschützt, daher enthalten sie, je nach Alter, etliche Mutationen, die für
einzelne Zellen nicht schädlich sein mögen, aber nur in seltenen Fällen die
normale Entwicklung eines Tieres gewährleisten können, was die nicht zu steigernde
sehr niedrige Erfolgsrate des Klonens erklärt.
Der Einfluß des Zytoplasmas
Wenn
alle Zellen alle Gene haben, muß die Ursache für das Verschiedenwerden der
Zellen während der Entwicklung im Zytoplasma zu suchen sein. Faktoren im
Zytoplasma bewirken, was aus einer Zelle wird, also letzten Endes welche
Gene sich ausprägen. Die beiden Tochterzellen, die entstehen, wenn ein Froschei
sich das erste Mal teilt, können sich zwar noch jede zu einem ganzen, wenn
auch kleineren Frosch entwickeln. Aber einige Teilungen später geht das schon
nicht mehr, da sie unterschiedliches Zytoplasma erhalten. Boveri beobachtete,
daß das Ei eine Polarität hat, und eine künstliche Teilung quer zur Achse
keineswegs vollständige Embryonen ergibt. Danach sind rechts und links noch
nicht, aber oben und unten bereits verschieden. Er schloß daher auf Faktoren,
die allmählich von oben nach unten zu – oder abnehmen, und die das Entwicklungsschicksal
der Zellen, die sie einschließen, in unterschiedlicher Weise bestimmen. Es
gibt also schon Unterschiede im Zytoplasma, die das Schicksal der Zellen
einschränken.
Das Geheimnis der Entwicklung
ist die Steuerung der Gene in Raum und Zeit. Zusammen mit den Faktoren im
Zytoplasma, die die Gene kontrollieren, stellen die Gene so einen Bauplan
für den sich entwickelnden Organismus dar, der in aufeinander aufbauenden
Stufen verwirklicht wird. Die Zelle nimmt auch von außen, und von den Nachbarzellen,
Anregungen, Signale auf, die an die Gene im Zellkern weitergeleitet werden.
So ist das Schicksal einer Zelle sowohl von den Faktoren im Zytoplasma, als
auch von den Außenbedingungen abhängig.
Damals
war Forschern wie Boveri durchaus klar, daß man zu seiner Zeit nicht im geringsten
in der Lage war, die Frage was Gene sind und welche Faktoren sie steuern,
auch nur andeutungsweise zu lösen. Und es dauerte auch fast ein Jahrhundert,
bis durch die molekulare Genforschung, und damit die Möglichkeit, die zytoplasmatischen
Faktoren zu identifizieren und zu isolieren, diese Fragen geklärt werden
konnten.
Die Natur der Gene
Gene
sind die Einheiten der Vererbung. Sie werden von Generation zu Generation
intakt weitergegeben. Wie gesagt, jede Zelle des Körpers enthält alle Gene,
und zwar doppelt, eine Kopie stammt von der Mutter, die andere vom Vater.
Die Gesamtheit der Gene eines Organismus nennt man Genom. Man erkennt ein
Gen eigentlich nur dann, wenn es verändert (meist defekt) ist. Die Veränderung
nennt man Mutation, die Träger Mutanten. Das entsprechende veränderte Erscheinungsbild
im Organismus gibt Auskunft über die Funktion eines Gens. Zum Beispiel gehen
Mutanten mit veränderten Augenfarben bei Fliegen auf Gene zurück, die beim
Stoffwechsel der Pigmentbildung beteiligt sind. Es gibt eine ganze Reihe
von Genen, die die Augenfarbe beeinflussen. Daran sieht man, daß eine bestimmte
Eigenschaft durch viele Gene bestimmt wird, und das gilt nicht nur für die
Augenfarben sondern für praktisch jedes beliebige Merkmal. In der Regel betrifft
ein Gen auch nicht nur ein, sondern mehrere Merkmale. Die Augenfarbengene
zum Beispiel beeinflussen auch die Färbung der Ausscheidungsorgane, sowie
allgemein die Lebensfähigkeit der Tiere. Für die meisten Gene sind die Zusammenhänge
zwischen Gen und Erscheinungsbild noch komplexer, das heißt, sie werden bei
vielen verschiedenen Lebensprozessen, mehrmals und in unterschiedlichen Geweben
gebraucht. Das weiß man bereits seit 70 Jahren.
Die
chemische Natur der Gene blieb bis fast zur Mitte des 20. Jahrhunderts im
Dunkeln. Lange wurde debattiert, ob Gene selbst Proteine sind, oder aus Nukleinsäuren,
die im Kern vorkommen, bestehen. Schließlich bewiesen Avery und seine Kollegen
1944 mit Versuchen an Bakterien, daß das genetische Material aus DNA, also
Desoxyribonucleinsäure besteht. DNA ist ein Kettenmolekül, bereits 1869 von
dem Schweizer Friedrich Miescher entdeckt, das aus nur vier verschiedenen
Bausteinen zusammengesetzt ist. Die Bausteine bestehen aus den Basen Adenin
(A), Thymin (T), Guanin (G), und Cytosin (C), die über eine Zucker- Phosphatkette
verbunden sind.
Der überaus interessante
Aspekt der DNA ist nicht ihre chemische Zusammensetzung, sondern ihre Struktur,
der dreidimensionale Aufbau des Moleküls. Diese wurde 1953 von dem Amerikaner
Jim Watson und dem Briten Francis Crick aufgeklärt. Der DNA Faden setzt sich
aus zwei gegenläufigen umeinander gewundenen Strängen zusammen, die zu einander
komplementär sind. Das heißt, daß die Reihenfolge der Basen des einen Strangs
eindeutig die des anderen festlegt (A in einem steht T im anderen Strang
gegenüber, entsprechendes gilt für G und C). Das liegt an der besonderen
chemischen Affinität der entsprechenden Basen zueinander, die sich nur so
und nicht anders paaren können. Das Geniale dieser Struktur liegt gerade
in dieser Einfachheit- sie stellt eine Schrift aus vier Buchstaben dar, die
fehlerfrei gelesen werden kann- zum Einen um sich selbst zu verdoppeln, zum
Anderen um Arbeitskopien in Form von RNA herzustellen.
Die
Reihenfolge, die Sequenz der Basen in der RNA Kopie der DNA bedingt in verschlüsselter
(kodierter) Form die Zusammensetzung von Proteinen. Diese sind aus zwanzig
verschiedenen Bausteinen aufgebaut, den Aminosäuren, die chemisch sehr unterschiedliche
Eigenschaften haben. Die Übersetzungsregel der Basenreihenfolge in die der
Aminosäuren ist, daß jeweils drei Basen der RNA (Tripletts) eine Aminosäure
im Protein bestimmen. Zusätzlich gibt es noch Tripletts für Anfang und Ende
des Proteins. Diese Regel nennt man den genetischen Kode.
Gentechnik
Vor
etwa 25 Jahren wurden Mechanismen entdeckt, die es erlauben, die DNA zu zerstückeln,
einzelne DNA-Abschnitte in Bakterien zu bringen und in diesen zu vermehren.
Damit kann leicht ein bestimmtes Gen (oder ein Bruchteil eines Gens) in hoher
Kopienzahl isoliert werden. In solchen reinen Populationen von relativ kurzen
DNA Stücken läßt sich die Reihenfolge der Basen leicht bestimmen und mit
Hilfe des genetischen Kodes die Proteinzusammensetzung ablesen, ohne die
viel schwierigere direkte Proteinanalyse durchführen zu müssen. Die Zusammensetzung
der Proteine war es auch eigentlich, die man mit Hilfe der Gentechnik entschlüsseln
wollte. Diesen Umweg hat man genommen, da die direkte Proteinanalyse viel
schwieriger ist als die Genanalyse (eben weil DNA nur 4, die Proteine aber
20 verschiedene Bausteine haben).
Es
sind die Proteine, nicht die Gene, die die eigentlichen Bau- und Wirkstoffe
der Zellen darstellen. Ihre biochemischen Eigenschaften sind durch die Zusammensetzung
der Aminosäuren, die Reihenfolge, und die Faltungsstruktur bestimmt. Proteine
können außerordentlich verschieden sein, sie bedingen letztendlich die Eigenschaften,
die das Leben ausmachen. Der biologischen Forschung hat die Möglichkeit,
Proteine auf dem Weg über die Genisolierung aufzuklären, ungeheuren Aufschwung
gegeben. Faktoren, die die Entwicklung steuern, die an Wirkmechanismen beteiligt
sind, die in winzigen Mengen vorkommen und deren Isolierung als schwierig
bis aussichtslos galt, waren nun in ihrer biochemischen Wirkungsweise analysierbar.
Auf Grund der Gensequenzen lassen sich molekulare Sonden herstellen, die
es erlauben, die Verteilung der Genprodukte- RNA und Protein- im Organismus
nachzuweisen und zu verfolgen. Bei einigen Tieren wie Drosophila, C. elegans,
der Maus und dem Zebrafisch lassen sich isolierte Gene in den Organismus
einschleusen. Die Gene können auch aus anderen Organismen stammen oder aus
Bruchstücken verschiedener Gene zusammengesetzt sein. Dadurch läßt sich die
Funktion eines Gens im Tier testen und analysieren. Auch lassen sich in solchen
transgenen Tieren bestimmte Zelltypen markieren und damit durch die Entwicklung
verfolgen. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, die hier nur angedeutet werden
können.
Vergleichende Genforschung
Die
Strukturaufklärung zahlreicher Gene in verschiedenen Modellorganismen und
die Möglichkeit des Vergleiches entsprechender Gene in verschiedenen Tieren
hat zu einigen wichtigen Schlußfolgerungen geführt:
- Es gibt einen hohen Grad der Verwandtschaft zwischen den Genen ganz verschiedener Organismen. So sieht man zum Beispiel in etwa der Hälfte der Gene des Menschen deutliche Ähnlichkeiten mit solchen der Hefe, der Fliege, oder des Wurms, und das gilt auch für beliebige andere Vergleichspaare. Diese Verwandtschaft bedeutet zum einen, daß die Proteine, die jede Zelle aufbauen, gemeinsame Ursprünge haben. Das ist vielleicht nicht so verwunderlich, da vielzellige Organismen sicher alle von Einzellern abstammen, die die wesentlichen Bausteine einer Zelle bereits besaßen. Was aber als große Überraschung vor etwa 15 Jahren durch vergleichende Untersuchungen von Genen verschiedener Tiere, einschließlich des Menschen herauskam, war, daß auch übergeordnete Mechanismen, die den Bauplan der Tiere bestimmen, offenbar recht ähnlich sind. Und das, obwohl sich die Tiere (wie Wurm, Fliege und Maus) äußerlich oft gar nicht ähnlich sehen. Bei diesen Mechanismen spielen häufig komplexe Wechselwirkungen von Proteinen eine Rolle, die man- und das ist das Überraschende- in weit voneinander entfernten Arten in gleicher oder sehr ähnlicher Beziehung findet. Wohlgemerkt, entsprechende Gene bei Mensch, Maus und Fliege sind in den seltensten Fällen völlig gleich, aber man erkennt immer noch deutlich, daß sie auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgehen. Das heißt, daß in der Evolution, bei der Entstehung von neuen Arten, die Moleküle mit ihren Wechselwirkungen oft erhalten, aber auch abgewandelt, verdoppelt, verloren, oder neu kombiniert wurden, und nur selten wirklich vollkommen Neues dazu kam. Viele dieser molekularen Parameter der Baupläne haben die Tiere gemeinsam, obwohl man in ihrer endgültigen Gestalt die gemeinsame Abstammung häufig nicht mehr zu erkennen vermag.
- Die meisten, wenn nicht alle Gene (bzw ihre Proteinprodukte) wirken in mehreren, häufig sehr vielen Prozessen mit, in verschiedenen Organen und zu verschiedenen Zeiten. Zusammen mit der Tatsache, daß die Komplexität eines Organismus sich kaum in der Zahl seiner Gene widerspiegelt (der schlichte Wurm hat 19000, der Mensch mit 32000 Genen nicht einmal doppelt so viele) bedeutet das, daß ein Gen im Organismus in der Regel mehrere Funktionen übernimmt, und die Beziehung zwischen Eigenschaft und Gen keine einfache, sondern eine vielfach verschränkte ist. Die moderne Genforschung bestätigt damit die bereits erwähnten Beobachtungen an der Fliege Drosophila. Für den Menschen bedeutet das, daß es kein einzelnes Gen für Eigenschaften wie Nasenlänge, Blutzuckerspiegel, Musikalität oder so gibt, sondern daß bestimmte Eigenschaften, sowohl körperliche als auch geistige, von der Konstitution vieler Gene abhängen. Das bedeutet auch, daß man vermutlich von keinem Gen, sei es bei Fliege oder Menschen, jemals ganz genau vorhersagen kann, was es alles beeinflußt. Daraus folgt auch, daß man der DNA Sequenz eines Gens nur in seltenen Extremfällen (Pathologien) ansehen kann, welche Auswirkungen sie hat.
Die
Ergebnisse der molekularen Genforschung der letzen 20 Jahre zeigen eindrucksvoll,
daß viele Erkenntnisse, die an einem Tier gewonnen wurden, in abgewandelter
Form auch für ein anderes Tier, und häufig auch für den Menschen, gelten.
Für die Erforschung der Frage, wie Gene die Entwicklung steuern, sind sogenannte
Modellorganismen bestens geeignet. Die Fliege und den Wurm habe ich schon
erwähnt. Als Wirbeltier ist, zusätzlich zum Frosch, der Zebrafisch wichtig,
der viele Vorteile des Wurmes und der Fliege in sich vereint. Diese Tiere
eignen sich besonders gut, über ihre Gene die wichtigen Faktoren, die die
Entwicklung steuern, zu finden und zu analysieren. Im Jahre 1999 ist die
vollständige Genomsequenz des ersten vielzelligen Organismus, des Fadenwurms
C. elegans entziffert worden. Es folgten in den nächsten Jahren erste Entwürfe
der Genome der Fliege Drosophila, und des Menschen. Vorläufige Höhepunkte
der Genomforschung, die den Wissenschaftlern für die nächste Zeit viel zu
tun geben, denn diese ungeheure Informationsmenge will verstanden sein, um
zu nützen.
Das menschliche Genom ist
das bisher größte entzifferte Genom, 20 mal größer als das der Fliege. Etwa
32000 Gene hat der Mensch. Obwohl sie komplexer sind als die anderer vielzelliger
Organismen, sind sie nicht prinzipiell anders. Beim Menschen, aber auch bei
anderen Säugetieren, sind die Regionen, die in Protein übersetzt werden,
von sehr großen, bisher nur schlecht definierten und in ihrer Funktion unverstandenen
Sequenzen unterbrochen. Im Laufe der Jahrzehnte ist bereits eine große Zahl
von menschlichen Genen, die auf Grund besonderer Eigenschaften isoliert worden
waren, bekannt geworden, doch sind die allermeisten Gene des Menschen neu
durch das Genomprojekt entdeckt worden. Auf Grund der Proteinsequenz allein
läßt sich ihre Funktion nicht genau erschließen. Die wichtigste Quelle für
das Verständnis der Funktion dieser Gene kommt durch den Vergleich mit Tiergenen,
besonders mit denen von Wirbeltieren. Bei diesen Organismen kann man Mutanten
konstruieren, denen ein Gen ganz fehlt, und die Auswirkungen auf das Tier
analysieren. Mit Ausnahme von Genen, deren Ausfall erbliche Krankheiten bedingen,
(die also solche natürlichen Mutanten darstellen) läßt sich diese Form der
Analyse beim Menschen nicht durchführen. Das bedeutet, daß wir für die allergrößte
Zahl der Gene nicht mehr als vage Vermutungen der Funktion haben können.
Das reicht bei weitem nicht aus, um auf die Konsequenz einer Genänderung
oder des Genausfalls zu schließen. Das bedeutet umgekehrt, daß die Genanalyse
einzelner Menschen kaum Voraussagen auf deren Konstitution erlaubt. Es ist
heute nicht zu erkennen, auf welchem Wege sich unser Unwissen, was die genaue
Funktion der menschlichen Gene betrifft, in Zukunft ändern wird.
Forschung,
die gezielt und mit den nötigen Kontrollen in das Leben von Organismen experimentell
oder genetisch eingreift, verbietet sich beim Menschen. Biologisch gesehen
ist der Mensch ein Wirbeltier, wie Frosch, Huhn und Fisch, und über viele
wirbeltierspezifischen Prozesse läßt sich durch die Forschung an diesen Tieren
auch etwas über die Biologie des Menschen lernen. Die ganz frühe Entwicklung
allerdings ist bei Säugetieren, zu denen der Mensch ja gehört, sehr besonders.
Für das Studium dieser Stadien ist die Maus der wichtigste Modellorganismus.
Frühentwicklung von Säugetieren
Was
ist das besondere an der Entwicklung von Säugetieren? Bei Fröschen, Vögeln
und Fischen werden kurz nach der Befruchtung Eier gelegt, die sowohl das
genetische Programm als auch alle Nährstoffe und Faktoren enthalten, die
zur Entwicklung eines Kükens, einer Fliegenmade, außerhalb des mütterlichen
Organismus notwendig sind. Das abgelegte Ei braucht von außen nicht mehr
als eine bestimmte Temperatur, Feuchtigkeit und Luft, um ein selbständiges
Wesen zu bilden. Beim Säugetier ist das nicht so. Das Ei ist winzig klein
und das Zytoplasma der Eizelle enthält nur die Information, um nach der Befruchtung
eine sogenannte Blastozyste zu bilden, ein Gebilde aus wenig mehr als hundert
Zellen. Nur wenige der inneren Zellen der Blastozyste bilden später den Embryo,
sie sind alle gleichwertig, und noch nicht auf ihr zukünftiges Schicksal
festgelegt. Um ein Tier zu bilden, muß sich die Blastozyste in den Uterus
des mütterlichen Tieres einnisten, um fortan durch diesen ernährt zu werden.
Die Blastozyste schlüpft aus der Eihülle, der Zona pellucida, und wandert
mit Hilfe ihrer äußeren Zellen in die Uterusschleimhaut ein. Im intimen Kontakt
mit dem mütterlichen Gewebe, das den Embryo zum Wachstum anregt, nimmt der
Embryo Gestalt an. Vom mütterlichen Blutkreislauf versorgt, übernimmt der
Uterus die Ernährung und den Schutz des werdenden Tieres. Bei Säugern besteht
also eine eigentümliche zeitliche Verschiebung der Fürsorge durch den mütterlichen
Organismus relativ zum Zeitpunkt der Befruchtung. Was bei eierlegenden Tieren
vor der Befruchtung stattfindet, nämlich die Versorgung des Embryos mit Nährstoffen
und Wachstumsfaktoren, ist hier auf einen späteren Zeitpunkt, nach der Einnistung,
verschoben. Von einem Hühner- oder Fliegenei kann man schon eher sagen, es
enthielte das volle Entwicklungsprogramm (obwohl man auch ein Hühnerei noch
nicht Huhn nennt, und eine Fliegenmade noch längst keine Fliege ist), aber
nicht von einem Säugerei. Denn bei Säugetieren ist erst mit der Einnistung
in den Uterus der Mutter das Entwicklungsprogramm vollständig. Und erst während
dieser erstaunlichen und wundersamen Symbiose zweier Individuen wird das
Programm ausgeführt.
Embryonale Stammzellen der Maus
Die
frühe Entwicklung der Maus (und auch des Menschen) im Ei, von der Befruchtung
an bis zur Blastozyste, kann auch außerhalb des mütterlichen Organismus stattfinden,
denn dafür bedarf es noch keiner Nährstoffe. Die befruchtete Eizelle teilt
sich mehrmals. Die Entnahme von ein oder zwei Zellen im Achtzellstadium schadet
dem Embryo nicht. Die inneren Zellen der Blastozyste können auf einem Nährboden
in einer Petrischale vermehrt werden, ohne ihren embryonalen, undifferenzierten
Zustand zu verändern. Das sind die embryonalen Stammzellen oder ES Zellen,
die es bei der Maus seit 20 Jahren gibt. Transplantiert man diese Zellen
in eine Blastozyste eines Wirtsembryos, so nehmen sie an dessen Entwicklung
genau wie die Zellen des Wirtes Teil. Das heißt, daß sie pluripotent sind,
also vieles noch können. Embryonale Stammzellen haben besondere Eigenschaften,
die für die Forschung einzigartige Möglichkeiten bieten. Sie vermehren sich
willig in Kultur, ohne ihre Eigenschaften zu ändern. Wie bei anderen Zellkulturen,
die gut wachsen, kann man bestimmte Gene in die Zellen einbringen, oder auch
inaktivieren. Solche genetisch veränderten Zellen können in eine Blastozyste
transplantiert werden, und sich mit dieser zu einer Maus entwickeln. Dieses
Verfahren stellt eine der wichtigsten Methoden zur Erforschung der Funktion
verwandter menschlicher Gene in der Maus dar. Eine weitere Fähigkeit von
embryonalen Stammzellen der Maus ist, daß sich durch Zugabe bestimmter Stoffe
die Bildung bestimmter Zelltypen stimulieren, und die anderer unterdrücken
läßt. In der Maus hat man solche differenzierten Zellen auch wieder in einen
erwachsenen Organismus implantiert, und diese Zellen haben sich in das Gewebe
integriert. Diese Experimente sind nicht nur für die Grundlagenforschung,
sondern auch für die Entwicklung von Therapien, die auf Zellersatz beruhen,
von großer Bedeutung.
Ich komme nun zu
den Möglichkeiten des Eingriffs in die Entwicklung des menschlichen Embryos,
die sich durch neue an Tieren erprobte Techniken eröffnen. Das Verfahren,
menschliche Embryonen in vitro zu befruchten und bis zur Implantation zu
kultivieren, ist in England entwickelt worden. Dort wurde 1990 durch ein
Gesetz die Forschung an Embryonen, soweit sie der Verbesserung der in vitro
Verfahren zur Heilung von Unfruchtbarkeit dient, erlaubt, und zwar mit der
Begründung, daß man Patienten nur erforschte und erprobte Therapien anbieten
darf. Das deutsche Embryonenschutzgesetz vom gleichen Jahr verbietet jeden
Umgang mit Embryonen, der nicht zur Einleitung einer Schwangerschaft führt.
Im Zentrum der Debatten im Umgang mit menschlichen Embryonen stehen heute drei Themenkreise: Das sind
- Diagnose- Verfahren im Zusammenhang mit künstlicher Befruchtung, die Präimplantationsdiagnostic, oder PID
- die Möglichkeiten der Einflußnahme auf die genetische Konstitution des Menschen durch Selektion oder Gentherapie, und
- der Einsatz von menschlichen Embryonalen Stammzellen in Forschung und Therapie.
In Vitro Fertilisation und Präimplantationsdiagnostic
In vitro Fertilisation wird in Deutschland häufig angewendet. Die Forschung im Ausland hat zum Ziel die Rate der erfolgreichen Schwangerschaften nach IVF zu erhöhen. Diagnoseverfahren werden entwickelt, um genetisch defekte Embryonen zu erkennen. Geforscht wird zum Beispiel auch mit Kulturen von Uterusschleimhaut um den Prozeß der Einnistung zu verstehen. Das läuft in der Presse unter künstlichem Uterus und weckt Assoziationen mit Huxleys Utopie von der schönen neuen Welt, ist aber himmelweit von dieser entfernt.
Bei
der Präimplantationsdiagnostic (PID) wird im 8 Zellstadium eine Zelle entnommen,
in der ein Gentest gemacht werden kann. Zwei Indikationsgebiete: 1. mehr
als die Hälfte der menschlichen Eier trägt Chromosomenschäden, die wohl auf
Fehler bei der Chromosomenverteilung während der Eireifung zurückgehen und
unvermeidbar sind. Das ist eine wichtige Ursache für die niedrige Erfolgsrate
der IVF, denn solche Embryonen haben keine Überlebenschance. Chromosomenschäden
vorher zu diagnostizieren, kann die Rate der erfolgreichen Schwangerschaften
nach in vitro Fertilisation erhöhen und den Anteil an den sehr problematischen
Mehrlingsgeburten verringern. 2. bei Erbkrankheiten, bei denen beide Partner
Träger für die gleiche (recessive monogene) Krankheit sind, besteht für die
Zygoten eine Chance von 1 zu 4, die Krankheit zu bekommen. Das kann diagnostiziert
werden und nur gesunde Embryonen implantiert werden. Diese Indikation ist
sehr selten. PID ist in Deutschland verboten. Erbkranke Föten können durch
Pränataldiagnose (relativ spät) während der Schwangerschaft erkannt werden.
Diese werden in der Regel abgetrieben. Eine Frühdiagnose vor der Implantation
würde die Tötung solcher Föten in fortgeschrittenen Stadium vermeiden.
Einflussnahme auf die genetische Konstitution des Menschen
Selektion:
Bedenken gegen die Einführung von PID bestehen in der Angst, dass sich die
Anwendungsspektren erweitern können, und auch nach anderen Genkonstellationen
als nur schädliche Mutationen in Krankheitsgenen ausgelesen wird. Bei diesen
Utopien spielt man mit einer anderen Sorte von Genen; nicht diejenigen, die
in defektem Zustand zu Krankheiten führen, sondern jene, die in subtilerer
Form die angenehmen oder gesunden Eigenschaften des Menschen bestimmen. Und
diese Gene kennt man am allerwenigsten. Es gibt auch kaum Möglichkeiten sie
zu erkennen. Tierversuche helfen nicht besonders weit, weil die Maus die
uns interessierenden Eigenschaften nicht hat. Man weiß also nicht ohne weiteres,
welche individuellen Eigenschaften ein Mensch haben wird, auch wenn man seine
DNA analysiert, und erst recht nicht was aus ihm würde, wenn einige seiner
Gene in alternativen Formen vorlägen.
Hier
zeigen sich enge natürliche Grenzen, die den Visionen Schranken setzen:
- Was an Genvarianten durch die Eltern nicht in den Embryo gekommen ist, kann
auch nicht ausgewählt werden.
- Diagnostiziert werden kann lediglich das
Gen, nicht die Eigenschaft. Und der Zusammenhang zwischen Gen und Eigenschaft
ist komplex.
- Viele Eigenschaften kommen durch die Konstellation mehrerer
Gene zustande, diese liegen in der Regel auf verschiedenen Chromosomen, die
unabhängig von einander in die Keimzellen verteilt werden. Aus rein statistischen
Gründen sind gewünschte Konstellationen entsprechend selten.
Gewiß,
wenn mehr analysiert wird, wird auch mehr bekannt werden, und es mag bei
einzelnen Genen Indizien dafür geben, daß sie wünschenswerte Eigenschaften
beeinflussen. Aber bereits jetzt wissen wir, daß selbst bei vollständiger
Übereinstimmung der Gene, bei eineiigen Zwillingen, keineswegs die Eigenschaften
des einen sichere Vorraussagen über die des anderen zulassen.
Genveränderungen
in der Keimbahn: Aus ähnlichen Gründen ist jeder Gedanke an eine genetische
Manipulation des Menschen durch Einbringen ausgewählter Gene in den Bereich
der Science fiction zu verweisen. Wie bereits erläutert, beeinflußt jedes
Gen viele Eigenschaften, daher ist kaum vorauszusagen, welche Auswirkungen
es, zusätzlich eingebracht, haben würde. Und beim Menschen ist genetische
Forschung, wie man sie bei Tieren machen kann, nicht möglich. Ein weiterer
Punkt, der selten angesprochen wird ist, daß es derzeit kein Verfahren gibt,
das erlaubt, in einen Organismus genau eine Kopie eines Gens so einzubringen,
daß alle Zellen dieses Gen erhalten, und keine unliebsamen Nebeneffekte entstehen.
Das bedarf einer Erklärung: Bei der Maus, bei der Fliege und dem Fisch ist
es doch möglich, Gene einzuschleusen, warum also nicht beim Menschen? Bei
den Modellorganismen stehen dem Forscher zwar Kohorten von ähnlichen Tieren
mit definiertem Erbgut zur Verfügung, jedoch ist eine funktionierende Genübertragung
ein sehr seltenes Ereignis, bei dem sich der Erfolg zudem erst in den Nachkommen
des behandelten Tiers feststellen läßt. Das heißt, daß beim Tier Erfolge
mit großen Zahlen an nicht gelungenen Versuchen einhergehen. Beim Menschen
wäre das Szenario ein vollkommen anderes. Hier müßte ja ein ganz bestimmtes
Individuum mit zunächst unbekannten und unbestimmbaren Eigenschaften im frühen
Embryonalstadium mit praktisch vollkommener Sicherheit auf Erfolg behandelt
werden. Das ist jedoch undenkbar schwierig. Daraus folgt, daß das, was beim
Tier „geht“, beim Menschen eben doch nicht geht.
Klonen:
Klonen wäre die Erzeugung eines Menschen, der erbgleich mit einem bereits
existierenden ist, also ein verspäteter Zwilling wäre. Dabei würde durch
Kerntransfer aus einer Körperzelle (auch CNR- „Cell nucleus replacement“
- Zellkernaustausch-Embryo genannt) in eine entkernte Eizelle ein Embryo
hergestellt werden. Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß Klonen bei Tieren
nur in sehr seltenen Ausnahmefällen zu gesunden Tieren führt, und die meisten
Versuche in Fehlgeburten oder Mißbildungen enden. Schon aus diesen Gründen
ist es kriminell, Klonen beim Menschen zu versuchen. Klonen ist in vielen
Ländern auch aus ethischen Gründen ausdrücklich verboten.
Bei
dem umstrittenen sogenannten therapeutischen Klonen ist das Ziel lediglich,
eine Blastozyste, die erbgleich mit einem Patienten ist, zu erzeugen. Daraus
würden dann embryonale Stammzellen gewonnen werden, die bei einer Therapie
dieses Patienten eingesetzt werden könnten. Dabei ist die Idee, Abstoßungsreaktionen,
die beim Transplantieren von genetisch fremden Zellen auftreten könnten,
zu vermeiden. Diese Versuche sind ebenfalls sehr schwierig und haben noch
keine Erfolge erzielt.
Embryonale Stammzellen
Kulturen
menschlicher embryonaler Stammzellen gibt es seit 1998. Sie sind nicht leicht
zu etablieren, und wegen der vielen ethischen Vorbehalte ist man mit der
Forschung an ihnen noch nicht sehr weit. Anwendungsgebiete sind vor allem
Krankheiten, bei denen bestimmte Zelltypen degenerieren und nicht vom Körper
ersetzt werden können, zum Beispiel Kinderdiabetes und Morbus Parkinson,
auch multiple Sklerose. Für diese gibt es bisher kaum eine Heilung. Für Parkinson
sind bereits vor 10 Jahren Heilerfolge durch die Übertragung spezifischer
Zellen, die aus 8 Wochen alten Föten gewonnen wurden, erzielt worden, die
sich allerdings nicht zu einer praktikablen Therapie entwickeln ließen. Diese
Zellen (die zu den sogenannten adulten Stammzellen gehören) lassen sich nämlich
bisher nicht in Kultur vermehren, ohne ihre spezifischen Eigenschaften zu
verlieren. Das gilt für viele adulte Stammzelllinien. Es ist kürzlich amerikanischen
Forschern gelungen, menschliche embryonale Stammzellen zu vermehren und in
Kultur zu besonderen Nervenzellen differenzieren zu lassen. Diese konnten
die Symptome von Ratten, die Parkinson - krank sind, deutlich abmildern.
Das heißt, daß die Forschung mit embryonalen Stammzellen sehr vielversprechend
ist und wahrscheinlich auf diesem und keinem anderen Wege bald Heilung für
diese schwere Krankheit möglich sein wird. Ähnlich vielversprechende Versuche
laufen derzeit für Diabetes Typ 1. Die Etablierung menschlicher embryonaler
Stammzellkulturen ist in Deutschland verboten, ein neues sehr strenges Gesetz
regelt die Forschung an importierten Kulturen. Diese Regeln werden deutschen
Forschern nicht erlauben, bei der internationalen Forschung auf diesem Gebiete
mitzuhalten. Es ist aber klar, daß Therapien auf der Basis von menschlichen
embryonalen Stammzellen, sollten sie im Ausland entwickelt werden, deutschen
Patienten nicht vorenthalten werden können. In diesem Lichte ist es geboten,
sich auch an der Forschung zu beteiligen, und zwar bevor die Erfolge sich
eingestellt haben um nicht das Risiko dieser aufwendigen Forschung ganz den
ausländischen Forschern zu überlassen.
Ab wann ist der Mensch ein Mensch?
Wie
gesagt ist es nicht die Aufgabe der biologische Wissenschaft, über Schutz,
Würde, und Rechte menschlichen Lebens zu befinden. Aber Richtlinien für eine
Einschätzung geben kann sie schon. Gewiß ist bereits die Eizelle mit dem
Zytoplasma, das die Faktoren zur Instruktion des embryonalen Genoms bis zur
Blastozystenbildung enthält, eine besondere kostbare Zelle (Millionen von
Spermien haben sie umschwärmt und sind zu Grunde gegangen). Die befruchtete
Eizelle (allerdings nicht jede, denn mehr als die Hälfte der Eier sind nicht
lebensfähig) hat das gesamte Erbgut- die Summe aller Gene eines möglichen
Menschen, und damit sein genetisches Programm. Um dieses zur Ausführung zu
bringen, braucht es aber zusätzlich die intensive Wechselwirkung, die Symbiose,
mit dem mütterlichen Organismus. Diese ist unersetzlich, und unabdingbar.
Damit ist erst mit der Einnistung in den Uterus das Programm zur Menschwerdung
vollständig, und erst mit der Geburt ist es ausgeführt. Erst mit der Geburt
ist aus dem werdenden Menschen ein getrennter, selbständiger Organismus,
der atmet und nun einen eigenen unabhängigen Stoffwechsel hat, geworden.
Sicher ist der Säugling noch bedürftig, aber er wird jetzt von außen ernährt
und kann daher zur Not auch ohne Mutter weiterleben. Dann ist der Mensch
ein Mensch. Und da sind sich wirklich alle einig.
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Vortrag
- in freier Wortwahl- auf der Tagung: Genetik und die Zukunft des Menschen-
Positionen aus dem Ethikrat, Schloß Elmau, 19. - 21. Juli 2002, sowie vor
der juristischen Studiengesellschaft Karlsruhe, Bundesgerichtshof, am 10.
Oktober 2002.