Offener Brief an Wolfram Siebeck
Von Christiane Nüsslein-Volhard
Lieber Herr Siebeck,Ich schreibe Ihnen, um Sie zu belehren. Das mögen Sie wahrscheinlich nicht, aber es ist wirklich langsam an der Zeit, daß Ihnen mal jemand erklärt, was Gentechnik ist, da Sie sich nun schon mehrmals in recht sonderbarer Weise über "genetisch veränderte Lebensmittel" aufgeregt haben. Ich sollte vielleicht, damit Sie den Rest des Briefes noch lesen, erklären, daß ich Ihre Beiträge meistens mag, und daß ich gerne esse und gerne koche, allerdings sicher nicht so gut wie Sie, da haben Sie mir was vorraus. Beruflich hab ich was mit Genforschung (aber nicht mit Genfood) zu tun, da hab ich Ihnen was vorraus. Ich bin der Ansicht- und das möchte ich Ihnen auch genau erklären-, daß die Gentechnik, entgegen dem, was Sie sagen, ganz besondere Möglichkeiten im Vergleich zu der herkömmlichen Pflanzenzucht hat, grade wenn es um die Geschmacksfragen geht, allerdings hat sie diese meines Erachtens noch nicht überzeugend eingesetzt.
Man merkt Ihren Texten an, daß Sie nicht wissen, was ein Gen ist, und deshalb auch nicht verstehen, was Gene mit Geschmack zu tun haben. Deshalb, mit Verlaub, erst ein kleiner Genetikkurs für Köche:
1. WAS SIND GENE?
Gene enthalten die Bauanleitung für alle Stoffe in einer Pflanze. Eine Pflanze hat etwa 20.000 verschiedene Gene. Jede Pflanzenzelle enthält alle diese Gene und zwar in doppelter Ausführung, je eines von der Mutter, und eines vom Vater. Die Information in diesen Genen gleicht einem Rezept, das, ausgeführt, einen Pflanzenstoff ergibt (es gibt also 20 000 Produkte der Pflanzengene, die meisten kennt man noch gar nicht). In den einzelnen Zellen sind nur die Stoffe vorhanden, die dort gebraucht werden, also Blattgrün in den Blättern, Gift in den Knollen, Aromastoffe in den Früchten. Entsprechende Gene verschiedener Pflanzen sind ähnlich, aber nicht identisch, damit sind auch die Stoffe nicht identisch, und die Pflanzen jeweils anders.
2. WAS UNTERSCHEIDET KULTUR- UND WILDPFLANZEN?
Wildpflanzen setzen sich meist gut durch: Beim Wildapfelbaum werden etwa die Rostpilze von irgendeinem Gift in den Blättern abgeschreckt, der Apfelstecher findet die Schale zu hart, die Äpfel zu bitter, kein Mensch ißt sie freiwillig, weil sie holzig, klein und sauer sind. Ein kultivierter Apfelbaum hat Bitterstoffe, holziges, Säure etcetera verloren- dafür hat der Apfel Aroma, Saft und Süße, er schmeckt uns. Aber Apfelstecher, Rost, Vögel, und Nachbarbuben mögen ihn ebenfalls. Faulen tut er auch schnell, weil die Schale so dünn ist, und leicht Fäulnisbakterien eindringen können. Worin unterscheiden sich die Gene von Wild- und Zuchtapfelbaum? Der Zuchtbaum hat viele Eigenschaften des wilden Vorfahren verloren: viele Gene für Bitter- und Kampfstoffe, die ihn widerstandsfähig gegen Fraßfeinde und Infektionen machen. Gut für den Feinschmecker, schlecht für die Pflanze. Deshalb muß der Baum geschützt und beschnitten werden, damit seine Äste die großen Früchte tragen können, man spritzt auch besser, wenn nicht viele Äpfel verwurmt sein sollen.
3. WEGE VON DER WILD- ZUR ZUCHTSORTE?
Erster Weg: Man wartet, bis sich unter vielen Pflanze zufällig eine entwickelt, die genießbarer, schöner oder größer ist als andere, und verwendet diese zur Zucht. Beispiel: gefüllte Rosen. Bei denen ist durch Mutation ein Gen defekt geworden, dessen Produktstoff die Staubgefäße hindert, Blütenblätter zu entwickeln. Schön für uns, schlecht für die Pflanze, der nun die Staubgefäße zur Fortpflanzung fehlen. Aber Rosen lassen sich auch über Stecklinge vermehren! Trotzdem macht die gefüllte Rose Probleme: Ihre schweren Blüten überlasten oft die Stengel, sie bildet auch weniger Blüten, und bei Regen faulen die Knospen oft.
Zweiter Weg: Wichtiger als das Warten auf zufällige Mutationen ist das Kreuzen, zum Beispiel Pflanze mit schmackhafter Frucht mit einer schön aussehenden, um möglichst viele "gute" Eigenschaften zu verbinden. Das Ergebnis einer Kreuzung ist jedoch stark zufallsgeprägt und kaum vorhersagbar, weil sich mütterliche und väterliche Gene in den Nachkommen gemäß den Mendelschen Gesetzen unabhängig kombinieren.
Wer etwa Radieschen und Kohlrabi kreuzt, erhält leicht eine Pflanze, die oben wie ein Radieschen und unten wie ein Kohlrabi aussieht. Alle bei uns kultivierten Obst-und Gemüsesorten, sind genetisch verändert. Da sie von Hand ausgelesen werden, mag man sie gar als "manipuliert" bezeichnen. Pfui?
4. WAS IST GENTECHNIK?
Mit Gentechnik bezeichnet man Verfahren, ein isoliertes Gen mit bekannten Eigenschaften dem Erbgut eines Lebewesens hinzuzufügen. Das Gen kann aus der gleichen oder einer anderen Pflanze stammen, auch aus Bakterien oder Pilzen. So kann man unter Umständen durch Mutation verlorene Eigenschaften wieder herstellen oder neue Eigenschaften übertragen. In der Praxis gibt es allerdings Schwierigkeiten, wenn das "künstliche" Gen mit jenen der Pflanze nur entfernt verwandt ist. Das eingepflanzte Gen wirkt dann häufig nur schwach, und solche Pflanzen sind nicht sehr stabil. Tiergene funktionieren in Pflanzen meist schlecht. Ihr Beispiel, Erdbeeren mit ?ein paar Heringsgenen? zu dopen, geht wohl nicht, abgesehen davon, daß wahrscheinlich niemand außer Ihnen auf eine solche Idee kommt.
Soweit der Kurs.
Sowohl die normale Zucht als auch die Gentechnik sind kompliziert, weil die Eigenschaften der Pflanze in komplexer Weise von den Eigenschaften der Gene bestimmt werden. Ein einzelnes Gen produziert seinen Stoff, aber dessen Wirkungen betreffen sehr häufig mehr als eine Eigenschaft der Pflanze. Umgekehrt kommt eine bestimmte Eigenschaft wie der Geschmack in der Regel durch das Zusammenspiel von vielen Genen zustande. In der Pflanzenzucht sucht man aus vielen Nachkommen einer Kreuzung die besonders schönen und geeigneten aus. Oft dauert es viele Generationen, bis eine neue Sorte vorliegt. Diese entspricht zum großen Teil dem "Geschmack" des Züchters, aber auch der Landwirte. Die fordern nämlich Sorten, die gerne gegessen werden, jedoch nicht nach jedem Regen flach liegen, die rechtzeitig reifen, möglichst resistent sind gegen Schnecken, Fadenwürmer, Viren oder Raupenfraß.
Sie, Wolfram Siebeck, möchten in erster Linie, daß das Gemüse hervorragend schmeckt. Hier läßt sich nur sagen: Da müssen Sie Glück haben. Denn eine solche Ballung vieler guter Eigenschaften ist selten- rar wie hervorragend schreibende, schöne und hinreißend singende Spitzenköche, die auch noch was von Genetik verstehen. Man kann eigentlich nur staunen, wie viele gute und sehr geschmackvolle Obst- und Gemüsesorten, die sich auch noch ganz gut anbauen lassen, mittels ganz normaler Pflanzenzucht entstanden sind.
Sie tun immer so, als seien die alten Sorten besser als die neuen (zurück zur Natur? oder den gärtnernden Mönchen?). Diese Nostalgie ist populär. Warum denn das? Es ist doch garnicht war- haben Sie denn jeweils Tests mit verbundenen Augen gemacht? Welcher Unbefangene zieht denn nicht einen Elstar oder eine Alkmene einem Boskoop oder einer Gewürzluike vor? Und diese wunderbaren Kartoffeln, Granola, Attika, Selma, Aula, und wie sie alle heißen, die sich sogar noch vernünftig schälen lassen und einen Supergeschmack haben. Es gibt jetzt sogar Himbeeren, die im Herbst reifen, bis Anfang November kann man welche pflücken. Wenn das Wetter warm ist und die Sonne scheint, einwandfreies Aroma!
Sie, Wolfram Siebeck, erliegen dem Zeitgeist, insbesondere jener schrecklichen Regel, daß alles Gute seinen Preis haben MUSS; also je schwerer eine Gemüsesorte zu kultivieren ist, desto besser schmeckt sie, je härter und kleiner eine Zwiebel, desto würziger, je verkrotzter eine Kartoffel, desto mehr Vitamine. Das sind alles unbegründete Assoziationen ähnlich der unausrottbaren Regel "was gesund ist, darf nicht gut schmecken". Gewiß haben viele Züchter (und Verbraucher!) die Schönheit vor den Geschmack gestellt. Genau das können Sie ja als Journalist beeinflussen, in vielen Fällen haben Sie es auch getan. Nur machen Sie es doch bitte nicht so plump und falsch nach dem Motto: Wenn ein Wissenschaftler es ausgedacht hat, wenn es lange hält, wohlfeil ist, schön aussieht, keine Arbeit beim Zubereiten macht, dann DARF und KANN es nicht schmecken.
Jetzt endlich kommen wir zum Geschmack. Prinzipiell könnte man auf gezüchtete Produkte verzichten, es gibt ja völlig natürliche, nicht genetisch veränderte Lebensmittel. Aber nur wenige Leute haben genug Zeit und Geld und den Willen, um sich überwiegend von Waldbeeren, Steinpilzen, Kaviar, Rehrücken, Zander, oder Löwenzahn zu ernähren.
WAS BEDINGT DEN GESCHMACK?
Nicht nur ein Gen, nein, viele sind daran beteiligt, dazu auch die Sonnenscheindauer, der Reifegrad einer Frucht vor der Ernte, wie lange sie danach lagerte, welche Textur (mehlig, hart, weich, knackig etc) die Frucht hat, wie und von wem sie zubereitet, wo und mit wem sie gegessen wird. Sie selbst haben immer besonders die Frische betont. Es gibt himmlisch schmeckende Sorten von Sauerkirschen, Pflaumen, Erdbeeren oder Himbeeren, die überstehen, reif geerntet (und nur dann schmecken sie) kaum einen Tag,-schon beginnen sie zu schimmeln und faulen, was dem Geschmack entschieden schadet! Manchmal findet man solche Sorten auf dem Markt, aber eigentlich müßte man sie im Garten haben. Da hilft nur, den geschmackvollen Sorten Widerstandsfähigkeit und Haltbarkeit anzuzüchten.
Wie das, auf herkömmlichem oder gentechnischem Weg? Ersterer hat deutliche Grenzen, weil bei zufälligen Mutationen die Eigenschaften meist verlorengehen. Gene, die Haltbarkeit bedingen, sind in Zuchtpflanzen oft defekt. Man kann diesen Defekt zu beheben suchen durch Kreuzen der empfindlichen Sorte mit einer haltbaren. Dann folgt aber fast unweigerlich die Schwierigkeit, daß auch der Geschmack verändert wird, der ja auf einer komplizierten Kombination von vielen Genen beruht, die bei der Kreuzung durcheinander kommt. Und alles geht wieder von vorne los.
Die Gentechnik dagegen hat die Möglichkeit, einzelne Gene in eine Pflanze einzufügen, ohne dabei das übrige Erbgut der Pflanze zu verändern. Die übertragenen Gene können aus der Wildform, aus anderen Pflanzen, Bakterien, oder Pilzen stammen. Allerdings funktioniert das nicht alles gleich gut. In den allermeisten Fällen kennt man die Pflanzengene gar nicht, die beispielsweise resisten machen gegen Frost oder einen bestimmten Pilz. Man kennt solche Gene eher von einem Bakterium oder Pilz, weil sich diese Organismen leichter als Pflanzen erforschen lassen. Daher ist es logisch, zu versuchen etwa ein bereits bekanntes Resistenzgen aus Bakterien in Pflanzen zu übertragen und zu prüfen, ob die dann auch resistent sind Und sich zu freuen, wenn es gelungen ist.
Damit ist der Forscher eigentlich fertig, und eine Zuchtanstalt kann sein Pflänzchen zur neuen Sorte zu entwickeln. Es wäre doch toll, könnte man auf diese Weise Weichselkirschen, oder diese unvergleichlich aromatischen, aber rasch faulenden Erdbeeren robuster machen!
Die Industrieforschung versucht noch andere Sachen, die Sie aufgespießt haben: "ich will keine Pflanze essen, die Gifte aushält". Bei der Resistenz gegen chemische Gifte ist die Logik, daß niemand gern Unkraut jätet, daß aber Kulturpflanzen meist dem Unkraut unterlegen sind, Gartenbesitzer wissen das. Man hat versucht, chemische Mittel zu finden, die nur das Unkraut umbringen. Das geht jedoch sehr schlecht, weil in der Regel die Kulturpflanze empfindlicher ist. Da es Gifte gibt, die für begrenzte Zeit alles Unkraut unterdrücken, liegt es nahe, der Kulturpflanze ein Gen einzufügen, das solch ein Gift abbaut. Dann wächst nur die Kulturpflanze. Das finde ich ganz pfiffig.
ERST DIE ERNÄHRUNG, DANN DAS AROMA
Es ist übrigens nicht so leicht, wie Sie glauben, jedes beliebige Gen in jede beliebige Pflanze zu bringen, da Pflanzen fremde Gene recht schnell wieder verlieren. Auch sind oft mehrere Gene erforderlich, um bestimmte Eigenschaften der Pflanze zu verändern. Daher waren all diese Versuche bisher wenig erfolgreich, ganz abgesehen von der fehlenden Akzeptanz. Aber das kann ja noch werden, wenn Wissenschaftler die Gene in Wildpflanzen aufgespürt haben und Züchter sie stabil in die Kulturpflanzen wieder einfügen können.
Wegen des hohen Aufwandes wird dies zunächst vermutlich nur für Ernährungszwecke lohnend sein und nicht zur Geschmacksverbesserung. Sie sollten es daher den Züchtern nicht übel nehmen, daß sie Geld verdienen wollen, und vor allem Gesundheits- oder Ernährungsprobleme im Auge haben und nicht Aromen.
Der Einwand, daß solche Nahrung künstlich sei, ist überzogen, da die normale Zuchtsorte sich von der Wildform genetisch hundert mal mehr unterscheidet als von der gentechnisch veränderten, was ist denn natürlich? Ebenso schwach ist der Protest, man möchte keine Fremdgene essen: Mit jedem Bissen Steak schlucken Sie Millionen Rindergene ohne Furcht, daß Ihnen Hörner wachsen oder Ihre Frau muh ruft. Gewiss muß vieles beim Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen sorgfältig geprüft werden, etwa ob sich Fremdgene auf andere Pflanzen leichter ausbreiten können als die pflanzeneigenen Gene. Das sind jedoch Probleme der Ökologie und des Naturschutzes, die Sie ja offenbar weniger bewegen.
Noch mal Geschmack: Berühmt- berüchtigt wurde die "Gentomate" flavr savr, deren Name ja andeutet, daß beim Züchten der Geschmack eine Rolle spielte. Auch da war die Idee ganz gut, finde ich: Das eingesetzte Gen blockiert einen in der Tomate natürlich vorkommenden Stoff, der die reife Tomate schnell matschig werden läßt. Genau deshalb werden Tomaten oft unreif geerntet. Jeder weiß, daß bis zur Röte gereifte Tomaten erst richtig schmecken, also ist es doch gut, wenn sie später erntbar sind, ohne gleich zu verfaulen! Wohlgemerkt, auch hierbei geht es erst mal nicht darum, "Geschmacksgene" in die Pflanzen zu bringen, sondern Früchte mit gutem Geschmack vor raschem Verrotten zu retten. Nach wie vor sind übrigens Pflanzen die interessantesten Lieferanten von Aromen, Düften und Farben, da können Chemiker nur neidisch werden. Heringsgene in Erdbeeren- Spargel im Winter? Mir scheint, Sie haben eine wunderliche Vorstellung von dem, was Wissenschaftler glücklich macht.
Der Brief ist lang geworden, lesen Sie eigentlich noch? Trotzdem ist vieles noch nicht hinreichend klar und erklärt, aber ich kann ja auch nicht auf einem Raum, den Ihr Weihnachtsmenue einnehmen wird, den ganzen Biologieunterricht nachholen, den Sie nicht gehabt oder geschwänzt haben. Ob ich Ihnen wenigstens zu einem Funken Verständnis der biologischen Randbedingungen, sowie der Anliegen der Forscher und Züchter verholfen habe? Die sind ganz normale Menschen, die genau wie Sie besondere Interessen und Kompetenzen, aber auch Vorurteile und möglicherweise Geschmacksverirrungen haben mögen. Ungeheuer aber sind sie nicht, und schon gar nicht allmächtig. Die Natur ist wirklich stärker, da haben Sie ganz recht.
Mit besten Grüßen
Christiane Nüsslein-Volhard
last modified
2006-08-28