Den Göttern gleich' ich nicht!
Deutschland
hat im Internationalen Humangenomprojekt nur wenig zur Entzifferung des Genoms
beigetragen: Die Bundesrepublik steht mit ihrem Forschungsanteil an vorletzter
Stelle, vor China. Hierzulande werden eher die Gefahren beschworen, die aus
der rasanten Entwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnisse erwachsen könnten.
Oft wird in der öffentlichen Diskussion um die Genforschung ein verzerrtes
Bild gezeichnet. Spekulationen über "das" Gen der Schönheit oder der Schizophrenie,
über Züchtungen und ihre Gefahren sind weit verbreitet. Tatsächlich läßt
sich aber von keinem Gen voraussagen, welches Bündel von Eigenschaften es
beeinflußt. Auch die Patentierung von Gensequenzen wird moralisch unter Verdacht
gestellt: Dabei sind die Forschungen außerordentlich kostspielig, sie können
zur Entwicklung neuer Medikamente führen: Insofern ist der Patentschutz legitim.
Die absehbaren neuen Medikamente und ihre Wirkungen sind es auch, die künftig
eine versachlichte Diskussion über die Genforschung bewirken könnten. Dazu
allerdings bedarf die Öffentlichkeit der Aufklärung über die Leistungen und
die Grenzen der heutigen Wissenschaft. Der gegenwärtige Erkenntnisstand biologischer
Forschung darf nicht mehr ignoriert werden.
F.A.Z.
1,8
Prozent von drei Milliarden - das ist der Mensch: Was nicht nur Joschka Fischer
von der Gentechnik wissen sollte / Eine Handreichung
Von Christiane Nüsslein-Volhard
"Darwin kenne ich weniger gut."
Joschka Fischer.
Alle reden vom Genom. Und die allermeisten wissen nicht, was
es damit auf sich hat. Das menschliche Genom sei entschlüsselt, wird gesagt
- das bedeute den gläsernen Menschen, in den man reinsehen könne. Gene erklären
auf einmal alles. Es sei nur eine Frage der Zeit, wann die Wissenschaftler
Menschen mit bestimmten wünschenswerten Eigenschaften herstellten. Als sei
das beschlossene Sache. Etwa zeitgleich kommen neue Meldungen über Klonen,
Embryonen und Stammzellen und werden sofort mit Genmanipulationen verschnitten,
alles wird mit mehr Eifer als Sachkenntnis im Gedankenexperiment durchmischt
und beliebig kombiniert, um abenteuerliche Zukunftsvisionen zu entwerfen.
Ethiker, Politiker, Theologen und Philosophen heben den Zeigefinger und mahnen
an, daß schleunigst zu überlegen sei, was wir (die Menschheit) denn eigentlich
wollen, und vor allem, daß den Forschern Schranken zu setzen seien, bevor
sie Fürchterliches anstellen.
Die Verwirrung ist groß. Zunächst einmal: Es ist keine Erfindung
der Forscher, daß Gene die Bauanleitung für alle Bestandteile einer Zelle
darstellen und praktisch alle Vorgänge der Körperentwicklung und Physiologie
eines jeden Lebewesens entscheidend steuern und bedingen. Es ergibt daher
keinen Sinn, gegen Gene zu protestieren oder Forscher zu verunglimpfen. Auch
Selektion ist nicht etwas, gegen das man einfach so sein kann, das man verdammen
und verbannen kann. Selektion findet statt, täglich, stündlich, in uns, durch
uns, in der Natur, in allen Lebensbereichen. Die Ergebnisse der Genforschung
sind Realität, und von den Forscherpersönlichkeiten ganz unabhängig.
Genauso gelten bestimmte grundsätzliche Erkenntnisse der biologischen
Forschung, die in den letzten zwanzig Jahren mit Hilfe der Gentechnik erworben
worden sind, egal, ob wir ihre Auswirkungen für das Verständnis der menschlichen
Biologie mögen oder nicht. Nur scheinen diese die Biologie wirklich revolutionierenden
Erkenntnisse niemanden zu interessieren, denn in all den Horrorvisionen und
Allmachtsszenarien, die reichlich in der Presse beschrieben sind, wird darauf
keinerlei Bezug genommen. Die Ignoranz treibt Blüten. Was ist wirklich interessant
an dieser neuen, aber auch der alten Genforschung? Wo stehen wir jetzt? Gene
waren postuliert worden als Träger von erblichen Eigenschaften, die nach
bestimmten Regeln, die nach Mendel benannt und seit etwa hundert Jahren bekannt
sind, weitergegeben werden. Jede Zelle des Körpers enthält alle Gene, und
zwar doppelt, eine Kopie stammt von der Mutter, die andere vom Vater. Die
physikalische Struktur der Gene wurde 1953 von Watson und Crick entdeckt.
Es ist die DNS, ein Fadenmolekül, das aus nur vier Bausteinen, den Basen
A, T, G und C linear aufgebaut ist. Der DNS-Faden setzt sich aus zwei umeinandergewundenen
Strängen, die zueinander komplementär sind, zusammen. Das heißt, daß die
Reihenfolge der Basen des einen Strangs eindeutig der des anderen entspricht
(A in einem bedeutet T im anderen Strang, entsprechendes gilt für G und C).
Damit läßt sich leicht die identische Verdoppelung der Gene, die bei jeder
Zellteilung stattfindet, erklären: Die Stränge trennen sich, und an jedem
Einzelstrang wird eine komplementäre Kopie angelegt.
Die Reihenfolge der Basen bedingt in verschlüsselter (codierter)
Form die Zusammensetzung von Proteinen. Diese sind aus zwanzig verschiedenen
Bausteinen - Aminosäuren - aufgebaut, die chemisch weit unterschiedliche
Eigenschaften haben. Jeweils drei Basen der DNS bestimmen eine Aminosäure
im Protein. Zusätzlich gibt es noch Stopcodons für das Ende des Proteins.
Das nennt man den genetischen Code.
Es sind die Proteine, nicht die Gene, die die eigentlichen Bau-
und Wirkstoffe der Zellen darstellen und die am Ende die Eigenschaften bedingen,
die das Leben ausmachen. Die Zusammensetzung der Proteine ist es auch eigentlich,
die man mit Hilfe der Gentechnik herausbekommen möchte, da die direkte Proteinanalyse
viel schwieriger ist als die Genanalyse. In der klassischen Biochemie hat
man sich vornehmlich mit der Analyse von Proteinen und nicht von Genen befaßt,
mit Enzymen, Zellbausteinen, Faktoren, Strukturelementen der Zellen und Gewebe.
Nicht jedes Protein ist in jeder Zelle vorhanden, sondern sie werden nach
Bedarf, sozusagen auf Abruf und in sehr unterschiedlichen Mengen, hergestellt.
Besonders schwer zu isolieren und durch biochemische Analyse aufzuklären
sind seltene Proteine, etwa Hormone. Sie sind deshalb bedeutsam, weil sie
zum Beispiel in Steuerungsvorgänge wie Wachstum und regionale Differenzierung
eingreifen und im Organismus nur in äußerst geringer Menge oder nur in wenigen
Zellen zu bestimmten Zeiten anzutreffen sind. Die Gene dazu sind dagegen
alle gleich häufig (wie gesagt, jedes in zwei Kopien pro Zelle), und die
Leichtigkeit, mit der sie isoliert und analysiert werden können, hängt weder
von der Funktion noch von der Struktur der Proteine ab, für die sie codieren.
Vor einem Vierteljahrhundert wurden Mechanismen entdeckt, die es erlauben,
die DNS zu zerstückeln, einzelne DNS-Abschnitte in einzelne Bakterien zu
bringen und in diesen zu vermehren (zu "klonieren"). Mit einem neuen eleganten
Verfahren (PCR genannt) lassen sie sich heute sogar in vitro (also ohne Zelle)
vermehren. Damit kann leicht ein bestimmtes Gen (oder ein Bruchteil eines
Gens) in hoher Kopienzahl isoliert werden. In solchen reinen Populationen
von relativ kurzen DNS-Stücken ist mit neuen Technologien die Reihenfolge
der Basen leicht zu bestimmen und mit Hilfe des genetischen Codes die Proteinzusammensetzung
abzulesen, ohne die viel schwierigere direkte Proteinanalyse durchführen
zu müssen.
Hat man die einzelnen Gene isoliert, so lassen sich auch die
dazugehörigen Proteine in Bakterien oder Zellkulturen in großem Maßstab herstellen.
Man macht sich dabei die Maschinerie der DNS- und Proteinsynthese der Wirtszellen
zunutze. Seltene Proteine, zum Beispiel Hormone, Blutfaktoren, Enzyme und
Antikörper, können so in besonders reiner Form und in großen Mengen gewonnen
werden, ohne sie aus tierischem oder menschlichen Material isolieren zu müssen.
Hierin liegt einer der medizinisch bedeutenden Anwendungsbereiche der Genforschung.
Schon vor mehr als zwanzig Jahren wurden Verfahren zur gentechnischen Herstellung
von verschiedenen menschlichen Hormonen wie Insulin, Wachstumshormon und
Erythropoetin (ein körpereigener Faktor, der zur Blutbildung benötigt wird)
entwickelt. Diese und einige andere Produkte wie Enzyme und Antikörper haben
hochspezifische Wirkungen im menschlichen Körper und sind mit geeigneten
Modifikationen außerordentlich erfolgreiche Pharmaka geworden, die segensreich
für viele Kranke sind und auch den Unternehmen hohe Gewinne bescheren.
Es ist zu vermuten, daß es zusätzlich noch eine große Zahl bisher
unbekannter körpereigener Faktoren gibt, die möglicherweise Ausgangspunkte
zur Entwicklung ähnlich wirksamer Medikamente darstellen könnten. Ziel vieler
Pharmaunternehmen ist es, weitere dieser Wirkstoffe zu entdecken und diese
dann gentechnisch herzustellen. Ein Weg, der dabei eingeschlagen wird, ist,
das entzifferte menschliche Genom nach Genen zu durchsuchen, denen man mit
geeigneten Computerprogrammen ansehen kann, daß sie Ähnlichkeiten mit bereits
bekannten "Erfolgsmolekülen" haben und daher gute Kandidaten für die Entwicklung
von neuen Medikamenten sind. Im wesentlichen ist es diese Anwendung, die
die ungeheuren Kosten des privat finanzierten Sequenzierprojektes des menschlichen
Genoms der amerikanischen Firma "Celera" schließlich tragen soll. Da die
Entwicklung von neuen Pharmaka sowohl außerordentlich kostspielig als auch
riskant ist, verwundert es nicht, daß Patente die Rechte der "Erfinder",
die das Potential eines Gens für die Entwicklung eines Medikaments als erste
bemerkten, vor konkurrierenden Projekten schützen müssen.
Die Entzifferung des menschlichen Genoms stellt ohne Frage einen
vorläufigen Höhepunkt der Genforschung dar. Das internationale Humangenomkonsortium
hat zehn Jahre an dem Projekt gearbeitet. Forschergruppen aus sechs Nationen
waren beteiligt, allen voran die Vereinigten Staaten und Großbritannien;
Deutschland, nach Frankreich und Japan mit weniger als drei Prozent an vorletzter
Stelle, vor China. Die Genomdaten sind im Internet zugänglich. Ein Jahrhundertereignis,
zudem internationale Zusammenarbeit von ihrer besten Seite. Dennoch können
wir bisher die ungeheure Informationsmenge, die uns damit beschert wird,
erst in Anfängen verstehen. Die Auswertungen der Genomdaten durch Experten
verschiedenster Disziplinen, die in den Fachzeitschriften "Nature" und "Science"
beschrieben wurden, sind wahrlich eindrucksvoll, und es wird noch eine Weile
brauchen, bis wir das alles auch nur annähernd verdaut haben.
Das menschliche Genom ist immerhin zwanzigmal größer als das
Genom der Fliege Drosophila, das bisher größte der entzifferten Genome. Nur
ein kleiner Teil der DNS des menschlichen Genoms ist in Genen angelegt. Zu
Beginn des Genomprojekts wurde daher auch debattiert, ob die Entzifferung
des gesamten menschlichen Genoms ihren Preis wert sei. Hätte man nicht, so
wurde gefragt, mit der ungeheuren Geldsumme, die zu investieren war, durch
gezielte Untersuchungen einzelner Gene mehr Fortschritt für das Verständnis
der menschlichen Biologie und Medizin zum jetzigen Zeitpunkt gewinnen können?
In der Tat sind bereits vorher etliche menschliche Krankheitsgene aufgrund
ihrer Position im Genom kloniert und sequenziert worden. Viele menschliche
Gene mit besonderen Eigenschaften waren in Bruchstücken schon bekannt, so
daß sich jetzt kein abrupter Sprung in der Zunahme der Erkenntnis erwarten
läßt.
Das Humangenomprojekt rechnet sich aber gewiß auf lange Sicht,
da es die Forschungen in Zukunft wesentlich vereinfachen wird. Das entzifferte
Genom stellt einen Datenpool dar, auf den jederzeit und unter Einsatz inzwischen
gewonnener neuer Verfahren zurückgegriffen werden kann. Die Lesbarkeit und
Interpretierbarkeit der DNS hängt vom Stand der Computerprogramme ab, die
aufgrund neuer Erkenntnisse modifiziert werden können. Mit neuen Ideen und
Fragestellungen lassen sich in Zukunft auch ganz neue Interpretationen der
vorhandenen Daten erwarten.
Was lernen wir jetzt schon? Zunächst einmal die Zusammenfassung:
drei Gigabasen. Drei Milliarden Buchstaben. Ungeheuer viel Information. Nur
wenig davon bestimmt Proteinstrukturen: ungefähr 1,3 Prozent. Was ist der
Rest? Etwa die Hälfte der DNS ist etwas, was man Füllsel nennen mag, auch
mit junk - also "Müll" - bezeichnet. Das bedeutet, daß man weder weiß, was
diese Regionen sollen, noch, ob sie überhaupt wichtig sind. Proteine codieren
sie jedenfalls nicht, denn sie sind durchsetzt von Stopcodons. Diese DNS-Regionen
stammen offenbar von Viren ab, deren Erbsubstanz ins Genom integriert wurde.
Sie scheinen schon lange keine Funktion mehr zu haben. Sie mögen uns interessante
Aufschlüsse über die Entstehungsgeschichte des menschlichen Genoms geben.
Es finden sich auch Bruchstücke von bakteriellen Genen, die offenbar erst
vor kurzem ins menschliche Genom hereingekommen sind. Es gibt keine Hinweise
auf Gene von Nahrungsmitteln, Getreide, Tomaten. Gut zu wissen und hoffentlich
eine Beruhigung für die grünen Gengegner. Es gibt nur ungefähr dreißigtausend
Gene. Das ist viel weniger, als man noch bis vor kurzem geglaubt hatte. Die
Hefe hat sechstausend, die Fliege Drosophila dreizehntausend, der Wurm Caenorhabditis
neunzehntausend und die Pflanze Arabidopsis sechsundzwanzigtausend Gene.
Verglichen damit, sind die Gene des Menschen aber erheblich komplexer
aufgebaut und sehr viel größer. Das ist wichtig, denn es bedeutet, daß die
Zunahme an Eigenschaften und Strukturen im Laufe der Evolution nicht einfach
durch eine Zunahme an Genen geschehen ist. Menschliche Gene sind in höherem
Maße als die Gene von Würmern und Fliegen von Regionen unterbrochen, die
nicht in Proteine übersetzbar sind. Es ist unwahrscheinlich, daß diese Regionen
ganz ohne Funktion sind, aber wir können sie vorläufig noch nicht gut verstehen.
Möglicherweise gibt es da keine einfachen Regeln: Wahrscheinlich ist, daß
sie bei der Regulation der Gene beteiligt sind und so etwas wie Gebrauchsanweisungen
enthalten, also bestimmen, wo, wann und wieviel von dem Genprodukt, dem Protein,
entsteht. Man hat inzwischen gelernt, in Proteinen kürzere und oft vorkommende
Module zu erkennen, denen bestimmte biochemische Eigenschaften zugeschrieben
werden können. Die meisten Proteine besitzen mehrere solcher Module, und
es gibt gewisse Gesetzmäßigkeiten, mit denen sie gemeinsam auftreten. In
den menschlichen Genen finden sich in der Regel mehr solcher Module pro Gen,
auch gibt es neue Kombinationen gegenüber den Genen der Fliege.
Es ist anzunehmen, daß von den meisten Genen mehrere Proteine
gebildet werden, die sich in der Zusammensetzung dieser Module unterscheiden.
Das erhöht die Möglichkeiten, verschiedene Proteine mit unterschiedlichen
Funktionen zu machen, aber erschwert die Voraussagbarkeit der Genfunktion
für den Forscher. Von den bisher bekannten etwa zwölfhundert solcher Module
sind nur vierundneunzig - acht Prozent also - im Menschen neu entdeckt worden.
Die meisten waren bereits aus anderen Tieren bekannt. Das menschliche ist
das erste Genom eines Wirbeltiers, das vollständig entziffert worden ist.
Eine der interessantesten Quellen zu seinem Verständnis bietet der Vergleich
mit den bereits entzifferten Genomen von Modellorganismen. Allen voran sind
das die beiden Nichtwirbeltiere, die großen kleinen Tiere der Vererbungsforschung:
der Wurm Caenorhabditis elegans und die Fliege Drosophila melanogaster. Dem
Menschen näher sind Wirbeltiere, die Hausmaus und der Zebrafisch. Die Genomdaten
für Wurm und Fliege liegen seit kurzem vor, das Mausgenom ist kurz vor der
Fertigstellung, das Fischgenom wird in diesen Tagen in Angriff genommen und
soll in zwei Jahren fertig sein.
Dann wird es spannend. Denn der Vergleich von näher verwandten
Arten, vor allem der Maus als Säugetier, ist es, der uns Aufschluß über das
wirklich Wichtige und Unentbehrliche im menschlichen Genom bringen wird.
Weshalb dann einfache Modellorganismen? Deshalb, weil sie leicht und billig
zu halten sind und man über ihre Biologie schon sehr viel weiß. Die Wirkungen
vieler ihrer Gene im Organismus kennt man schon lange gut. In Würmern und
Fliegen, mit Einschränkungen inzwischen auch in Mäusen und Fischen, läßt
sich vieles ganz einfach durch genetische Experimente nachfragen: Es lassen
sich leicht Mutanten isolieren - Familien, in denen einzelne Gene verändert
oder funktionslos sind, ähnlich wie bei Erbkrankheiten des Menschen. Man
erkennt an den Tieren, die nur das defekte Gen enthalten, in welchen Prozessen
im Tier das betroffene Gen beteiligt ist, und kann damit etwas über seine
Funktion erfahren. Zusammen mit diesem "Phänotyp", dem Erscheinungsbild,
ergibt die Analyse des Gens, seines Proteins und seiner zeitlichen und räumlichen
Wirkung oft aufregende und weitreichende Erkenntnisse über die Form- und
Organbildung während der Entwicklung eines Tiers. Bei diesen Tieren lassen
sich isolierte Gene leicht in den Organismus einschleusen. Die Gene können
auch aus anderen Organismen stammen oder aus Bruchstücken verschiedener Gene
zusammengesetzt sein. Aufgrund der Gensequenzen lassen sich molekulare Sonden
herstellen, die es erlauben, die Wirkung einzelner Gene im lebenden Organismus
nachzuweisen und zu verfolgen.
All dies hat dazu geführt, daß viele grundlegende Lebensprozesse
bei Würmern und Fliegen bis ins Detail verstanden sind, viel besser als in
Wirbeltieren, wo der Aufwand, um vergleichbare Ergebnisse zu bekommen, um
Größenordnungen höher ist. Die Forschung an Modellorganismen hat zu einigen
aufregenden und keineswegs trivialen Schlußfolgerungen über die Logik des
Lebens geführt, die jetzt durch die Ergebnisse des Humangenomprojekts bestätigt
werden. Erstens: Bei vielzelligen Organismen gibt es viel weniger Gene als
Eigenschaften. Das bedeutet zum einen, daß praktisch jedes Gen mehrere Funktionen
ausübt, und zum anderen, daß einzelne Eigenschaften von mehreren Genen beeinflußt
werden. Diese These ist besonders bei der Fliege in etlichen Fallstudien
sehr gut belegt. Auch bei vielen Genen, die man sehr gut zu verstehen glaubte,
tauchen mehr und mehr Eigenschaften auf, die durch sie betroffen werden.
Im menschlichen Genom, das ja über eine verhältnismäßig geringe Zahl an Genen
verfügt, ist die komplexe Beziehung zwischen Genen und Eigenschaften besonders
offensichtlich. Sie weicht kraß von der naiven Vorstellung ab, nach der jede
Eigenschaft "ein Gen" hat. Es ist also unsinnig, von "dem Gen" für Musikalität,
Aggression oder Schizophrenie zu reden. Es gibt auch kein Gen für den großen
Zeh oder eine gute Figur. Viele Gene beeinflussen diese Eigenschaften. Zugespitzt
formuliert: Vielleicht kann man bei keinem Gen - weder in der Fliege noch
im Menschen - genau voraussagen, was es alles beeinflußt.
Wird man den entzifferten Genen des Menschen ihre Funktionen
je genau ansehen können? Wie kann man herausfinden, was sie alles tun? Die
Forschung kann nur grobe Anhaltspunkte geben; fraglich ist, ob man je in
der Lage sein wird, Gene zu identifizieren, die einzeln in ein (genetisches)
Individuum gebracht, diesem mit Sicherheit (und ohne Nebenwirkungen) bestimmte
wünschenswerte Eigenschaften verleihen. Zweitens: Es gibt einen hohen Grad
der Verwandtschaft zwischen Genen verschiedener Tiere. So sieht man in etwa
der Hälfte der Gene des Menschen deutliche Ähnlichkeiten mit solchen von
Hefe, Fliege oder Wurm. Das gleiche gilt auch für die jeweiligen Organismen.
Diese Verwandtschaften bedeuten zum einen, daß die Proteine, die jede Zelle
aufbauen, gemeinsame Ursprünge haben. Nicht wirklich verwunderlich, da wir
ja alle von Einzellern abstammen, die die wesentlichen Bausteine einer Zelle
bereits besaßen. Vor zehn Jahren indes kam eine große Überraschung durch
die vergleichenden Untersuchungen von Genen der Nichtwirbeltiere mit Wirbeltiergenen
(zu denen der Mensch ja auch gehört): Recht ähnlich sind auch übergeordnete
Mechanismen, die den Bauplan der Tiere bestimmen, die festsetzen, wo oben
und unten, vorn und hinten ist, wo und wie Augen, Beine angelegt werden.
Und das, obwohl sich die Tiere (wie Fliege und Maus) oft gar nicht ähnlich
sehen. Bei diesen Mechanismen spielen häufig komplexe Wechselwirkungen von
Proteinen eine Rolle, die man - und das ist das Überraschende - in weit voneinander
entfernten Arten in gleicher oder sehr ähnlicher Beziehung findet. Wohlgemerkt,
entsprechende Gene bei Mensch, Maus und Fliege sind in den seltensten Fällen
völlig gleich, aber man erkennt immer noch deutlich, daß sie auf einen gemeinsamen
Ursprung zurückgehen.
Das heißt, daß in der Evolution bei der Entstehung von neuen
Arten die Proteine mit ihren Wechselwirkungen abgewandelt, verdoppelt, modifiziert,
verloren oder neu kombiniert wurden und nur selten wirklich Neues dazukam.
Viele dieser molekularen Parameter der Baupläne haben die Tiere gemeinsam,
obwohl man in ihrer endgültigen Gestalt die gemeinsame Abstammung häufig
nicht mehr zu erkennen vermag. Diese Entdeckungen der Genforschung bestätigen
aufs schönste die Ideen, die Linné zum Aufstellen seines natürlichen Systems
der Pflanzen und Goethe zu seinen naturwissenschaftlichen Philosophien der
Metamorphose der Pflanzen und Tiere gebracht haben: "Alle Glieder bilden
sich aus nach ewigen Gesetzen, doch die seltenste Form bewahrt im Geheimen
das Urbild."
Es war Darwin, der in dieser natürlichen Ordnung mehr gesehen
hat als die Einfallslosigkeit eines Schöpfers, dem es etwa leichter fiel,
Ähnliches statt Neuem zu schaffen. Darwin erkannte, daß Ähnlichkeit der Gestalten
häufig auf gemeinsame Abstammung zurückgeht, und schlug als Mechanismus,
der die Entstehung von neuen aus bereits bestehenden Arten erklären kann,
erbliche Variation, gefolgt von natürlich erfolgender Selektion, vor. Seine
Überlegungen, die er in dem sehr lesenswerten Buch "On the Origin of Species by Means of Natural Selection"
1859 veröffentlichte, basierten auf einer genialen Kombination von bemerkenswerten
Beobachtungen. Die grandiosen Fossilien in den südamerikanischen Anden, der
Einfluß der Auswahl durch den Züchter bei der Entstehung von Tauben- und
Hunderassen, die Anpassung von offenbar sehr nah verwandten Arten von Finken
an das Erschließen verschiedenster Nahrungsquellen und anderes mehr führten
ihm die Veränderbarkeit der Arten und auch die Kräfte, die dies bewerkstelligen
mögen, vor Augen. Seine Abstammungstheorie hat damals die Öffentlichkeit
auf äußerste irritiert, und trotz der tausendfachen Bestätigung, nicht zuletzt
auch durch die Genomforschung, gibt es immer noch Leute, die Mutation und
Selektion als treibende Kraft der Veränderung in Frage stellen.
Karl Marx hat sich - wie alle Philosophen damals - mit Darwins
Buch intensiv auseinandergesetzt. Darwin allerdings fand die Verknüpfung
von Sozialismus mit Evolution nicht gelungen und sprach von einer "närrischen
Ansicht", die in Deutschland über die Beziehung zwischen Sozialismus und
Evolution vorherrschend sei. Darwin hat noch nichts über Gene gewußt, den
Aufsatz von Mendel nicht gelesen. Gene kamen erst Anfang des zwanzigsten
Jahrhunderts auf, nachdem Mendels geniale Arbeit, in der er die Regeln der
Vererbung einfacher Merkmale der Erbse beschrieb, im Jahre 1900 wiederentdeckt
wurde. Der bedeutende Würzburger Zoologe und Zellforscher Boveri erkannte
in den Chromosomen, die in den Zellkernen von Körperzellen doppelt vorhanden,
und in den Keimzellen auf den einfachen Satz verringert sind, die Träger
der Gene. Die Chromosomentheorie der Vererbung wurde dann besonders mit der
Genetik der Fliege Drosophila in amerikanischen Labors erarbeitet. Dann kam
die Genetik der Bakterien und ihrer Viren auf, bei der es um wirklich kleine
und einfache Systeme ging, die es erlaubten, auch die molekulare, nicht nur
die formale Natur der Vererbung anzugehen. Erst mit der Entwicklung der Gentechnik
Anfang der siebziger Jahre war man dann in der Lage, auch Gene höherer Organismen
- Einzeller, Vielzeller, Wurm, Fliege, Maus, Mensch -, die zwar in Mutanten,
aber nur selten in ihren biochemischen Auswirkungen erkennbar waren, zu untersuchen,
zu vergleichen und verstehen zu lernen. Da sind wir jetzt. In Deutschland
ist zwar die Genforschung nicht besonders gut aufgehoben - wie gesagt, drei
Prozent Beteiligung am Humangenomprojekt -, aber Weisheit gibt es dafür reichlich.
Wie immer kann Goethe am besten ausdrücken, was der Forscher und die Forscherin
empfinden: "Den Göttern gleich' ich nicht! zu tief ist es gefühlt, / Dem
Wurme gleich' ich, der den Staub durchwühlt" (Faust).
Ich danke meinen Mitarbeitern Florian, Frank, Holger und Ralf
sowie Maria und Friedrich für Diskussionen und Textkritik.
Die Autorin erhielt 1995 den Nobelpreis für Medizin. Sie forscht
am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie, Abteilung Genetik, in Tübingen.
Veröffentlicht in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.), Feuilleton, Freitag, 23.02.2001, S. 43, Nr. 46